Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1841)
- Date
- 1841-08-14
- Page
- Seite 472 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225207--03735-3313289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
472 ihm nur wünschen, daß er den Frieden wirklich finde, der bis jetzt von ihm uns nur — erkünstelt scheint. Theologie. Einiges über den Inhalt des Zudenthnms. I. Nichts ist häufiger jetzt, als das moderne Judenthum des Deismus anklagen, und diesen als flach, fade, Innern Gehaltes baar verdammen zu hören. Nachdem man nämlich lange genug das Judenthum in seiner altern Gestalt mir Spott und Vorwurf über seine veralteten Institutionen und geschmacklosen Formen überschüttet, wurde man unangenehm von der neuern Entwickelung desselben überrascht, da es, immerhin das alte Gewand verkürzend, noch ein großes Gebiet behielt,'dem die anderen Religionsparteien als eine gegebene Opposition verblieben. Man verfolgte daher das Manoeuvre, daß man einen Theils das neuere Judenthum als gar kein Judenthum ansthen wollte, indem man dem Judenthum überhaupt die Fähigkeit der Entwickelung absprach, andern Theils jenes als inhaltslos und ohne Grundlage der Positivetät ausgab. Beide Assertionen sind leidenschaftlich getrübt, die ersten ungerecht und aller Geschichte des Judenthums zuwider, die letztere falsch und hinterlistig, weil allerdings das neuere Judenthum erst in seiner Entfaltung begriffen, und der Gährungsprozeß noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Dem Judenthume jede Entwickelung absprechen, und nur das alt - orthodoxe Judenthum als solches gelten lassen wollen, ist von Seiten der Nichtjuden ungerecht, da letztere diese Frage allein uns zur Beantwortung überlassen müssen. Denn nicht im Judenthume stehend, können sie alle Erscheinungen des Judenthums vom allgemeinen Standpunkte aus beurtheilen, aber nicht deren Stellung innerhalb des Judenthums selbst. Diese Behauptung ist aber auch der Geschichte völlig zuwider, denn man mag mit der Orthodoxie die Tradition zum Sinai zurückführen, oder nicht, braucht man doch nur einen Blick auf Mischna, Genera, Rambam und Schulden Aruch, als die 4 Hauptinstanzen der halachischen Entwickelung, zu werfen, um zu sehen, daß die rabbinische Gestaltung des Judenthums eine Zeiterscheinung ist, die ihren Anfang genommen, ihren Höhenpunkt gehabt, ihr Solstitium, so daß auch ihre Abnahme eine Nothwendigkeit ist. Denn während in Mischna und Gemara noch die entgegengesetztesten Meinungen als gleicher Autorität aufgeführt werden, in der Gemara fortgeführt, ausgedehnt, erweitert erscheint, was in der Mischua begonnen ist: hat Rambam die Tendenz, die bereits als vorherrschend gültig angenommenen Ansichten zusammenzustellen, Schulden Aruch aber sie als Norm festzusetzen und alle übrigen zu annulliren. Aus diese Weise wurde durch die letzteren schon eine ungeheure Menge traditionellen Materials beseitigt, und die dadurch bewirkte Einheit erkaufte man mit dem Aufgeben der Freiheit fernerer Entwickelung und eigener Bewegung des rabbinischeu Systems. Einer solchen Geschichtswahrheit gegenüber behaupten wollen, daß dem Judenthume die Freiheit, die stehengebliebene Entwicklung wieder auszunehmen, mangele — ist nur dem Eigensinn oder dem Haffe möglich. Niemals ist es gelungen, das Leben der Menschheit nach einseitig logischen und mathematischen Formeln zu binden. Immer werden die letzteren von der Wirklichkeit Lügen gestraft. Innerhalb des Organismus der Menschheit und der Völker pulsirt ein Leben, das nach göttlicher, aber nicht menschlicher Logik steigt und sinkt, schafft und aufgiebt, und wieder von Neuem schafft. Alles Alte war einmal neu, und bekämpfte seinerseits ein Altes. Es ist aber einmal Zeit, daß der klüger und erfahren gewordene Mensch nicht mehr von der Leidenschaft des Moments sich beherrschen läßt, sondern, das Bewußtsein des Göttlichen in der Brust, das nach den Verhältnissen der Zeit nothwendig Gewordene ermißt, und, ohne sich seiner Freiheit der persönlichen Selbstbestimmung zu begeben, am Werke der Zeit mitarbeitet, mit Eifer, aber ohne Leidenschaft, cum Studio et sine ira. — Das ganze Judenthum, sei es Mosaismus, Rabbinismus oder neueres Judenthum, hat zum einheitlichen Inhalte: Gott in dev Einigkeit und Unmittelbarkeit, d. i. den geoffenbarten, einigen Gott. Als strengster Monotheismus,