Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1841)
- Date
- 1841-07-31
- Page
- Seite 446 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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446 Patriotismus vorzuwerfen. Da ist er denn glücklich angelangt, um wieder zu Börne zurückzukehren, und dessen Verwegenheit, Göthen Mangel an Patriotismus vorzuwerfen, zu züchtigen, wobei Börne und Juden als identisch behandelt und tüchtig verhöhnt werden. Wir sehen hier also überall Herrn Riemer vom einseitigsten, leidenschaftlichsten Standpunkte ausgehen, und nur unser Mitleid mag ihm die Blößen, die er in geschichtlicher Anschauung giebt, verdecken. Hr. Niemer hat sich zum Sancho Pansa gemacht. Da aber Göthe dem Herrn sei Dank! kein Don Quixote ist, so können wir Riemer und Göthe ganz und gar trennen. Nur möge Herr Niemer zum Bewußtsein kommen, daß, wenn es möglich gewesen, er Göthen nur sehr schlechte Dienste geleistet hat. — Correspondenzen. Von der russisch-polnischen Granze, im Juni. Die Gemeinde Lublin. (Sortierung.) Andere nehmen wieder ihre Zuflucht zur Kabbalistik, sie studieren die Werke, die ihnen die Thore der sieben Himmel öffnen, die Gottheit selbst zeigen, die willig gehorsamen Geister beschwören lassen, sie gebieten den Engeln, die sie bedienen, und haben mit Gespenstern oft geheime Unterredungen. Wiederum andere beschäftigen sich blos mit der Hagada und den Midraschim,^aus denen sie jedoch das mystische und phantastische Element am liebsten hervorheben. Endlich giebt e8 Viele, die sich der jüdischen Moral widmen, die matn lernen, den H'biö studiren, sich wochenlang mit Buße peinigen, und die menschliche Lasterhaftigkeit beweinen. So steht es um die Bildung der hiesigen Jugend, jedoch werden in die beschriebenen Talmud-Vereine blos Verherrathete zu Mitgliedern angenommen, indem Unverheirathete, wie tüchtig sie auch im Talmudfache sein mögen, für unreif erachtet werden» Giebt es nun auch' Eltern, welche den Vortheil einsehen, den die Nebenkenntnisse — wie sie die Wissenschaften aller Art nennen — für die weltliche Existenz haben, und ihren Kinder» einigen Unterricht ertheilen lassen wollen: so sind einen Theils keine guten Lehrer vorhanden, andern Theils fürchtet man sich vor allzugroßen Kenntnissen, indem diese hier dem Epikuraismus gleich gehalten werden. Ein Lehrer, der ohne viel zu buchstabiren ein Buch lesen kann, ist schon weit gekommen, und da nun für alle profane Gegenstände bloS eine Stunde der Mußezcit verwendet wird, so kann man sich den Erfolg dieses Unterrichts denken. Die Eltern sehen dies ein, anstatt aber gute Lehrer von andern Orten zu beziehen, sparen sie für ihre andern Kinder die Unkosten. — Es giebt hier blos eine Hauptsynagoge, die, nach altem Style gebaut, doch geräumig genug ist, um über 4000 Personen zu fassen. Jedoch wird sie außer am Neujahr-- und Versöhnungstage, an dem ihr alles zuströmt, um in einer großen Versammlung zu beten, gar nicht besucht, und ist meistentheils leer. Bisweilen waren im Winter keine zehn männliche Individuen während des Gebetes anwesend, und man mußte Vorbeigehende Hereinrufen. Aber obwol der Rabbine zur Abhelfung dieses Mangels jeden Einwohner verpflichtet hat, einen Tag im Winter die hiesige Synagoge zu besuchen, so geschieht es doch so ungern, daß man schwerlich dafür Belohnung (NZ'Hn Nv'L) zu erwarten hat. Dagegen giebt es unzählige kleine Synagogen und/w^"w via, die sich nach verschiedenen Handwerken nennen. Fleischhauer, Schneider, Mäkler, Diener u. a. haben ihre eigenen Bethäuser, um in diesen ebenso als ■'iirtia zur Tora gerufen zu werden, wie der Rabbine in der Haupt-Synagoge, und unter den Aristokraten nicht zurückgesetzt zu werden. Am meisten wird das chaffidische Bet hamidrasch besucht, das seinen Namen noch seit dem besprochenen Rebi, der es bauen ließ, führt, aber jetzt mit vollem Rechte nicht ein Lehrhaus, sondern ein Schwatzhaus genannt werden kann. Denn weit entfernt die frommen Herzen vor der Gottheit zu ergießen, sitzen die Reichen oben, und diskurircn von weltlichen Gegenständen, führen die Chronikskandalöse der Insassen, jedes Talent wird herabgewürdigt', jede Schwäche aufgetischt, während die untergeordnete Klasse dieses in ihrem Schlupfwinkel. wiederholt. Dabei schreiten die jungen Müßiggänger durch die Gänge der Tische und Bänke, der Rauch ihrer Pfeifen umhüllt die heilige Lade, und das Ganze bildet einen Anblick, wie wol eine religiöse Stätte keiner andern Nation. Das zweite nicht minder stark besuchte Lehrhaus heißt Kahel's Bet hamidrasch.