Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1841)
- Date
- 1841-07-31
- Page
- Seite 444 (sequence 8)
- Language
- German
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444 f'erer und innerlich wahrerer Anschauung eines literarischen Helden. Denn wer .weiß es nicht, daß das praktische Leben eine viel bedingtere und abhängigere Aeußerung des wesenhasten Selbst des Menschen ist, als die produktive Waltung in schriftstellerischen Schöpfungen? Dort ist der Genius gebunden von tausend zu berücksichtigenden Verhältnissen, und leistet nur, was ihm gestattet wird, hier ist er den eigenthümlichen Gesetzen seiner eigenen Natur hingegeben, und leistet, was er kann. Steht nun ein Schriftsteller, und zwar so vollständig, wie Göthe, in so vielfachen, verschiedenartigen, umfassenden Mittheilungen, wie dieser, vor der Nachwelt, vor einer Nachwelt, die es redlich meint, die zwar allen Bestrebungen desselben nicht mehr ein gleiches Interesse abgewinnen kann, da sie ja selbst so viele Interessen beherbigt, die jener nicht tbeilte, die jedoch die ewigen Schöpfungen ihrer Idee und Form nach zu erfassen, die anderweitigen als geniale Uebungen zu nützen strebt—will diese Nachwelt an alle Koterien, Makeleien, Jntriguen, Hetzereien ff., die den Lebenden mit und ohne Ursache und Schuld umlagerten, vergessen, weil ihr dadurch die Auffassung nur erschwert wird — was verdient der wol, der sie alle wieder aufwarmt, wieder in die Erinnerung bringt, wieder durchkohlt, und wäre es selbst in der Absicht, seinen Helden von allen Anschuldigungen zu reinigen? Auf ihn ist das alte spanische Sprüchwort anwendbar: Vor meinen Freunden bewahre mich der Herr, meiner Feinde will ich mich schon selbst erwehren. Braucht Göthe jetzt in seinem Charakter, seinen Eigenheiten, seinem Lebenswandel, seinen Bestrebungen verth eüdigt zu werden? gegen die kleinlichen, erbärmlichen Anschuldigungen, die ihm chie Krebsfänger seiner Zeit an den Hals warfen? Gewiß nicht. Entweder die lange Reihe seiner gesammelten. Schriften sagen Dir, wcß Geistes Göthe war — oder es kann es Dir kein Sterblicher sagen. Ob er stolz, abstoßend, hochmüthig, eigennützig ff. war? Was geht das uns an? Er kann cs ja gegen uns nicht mehr sein. Was und wie er gedacht, zu welchen Ansichten er sich erhoben, wie es in seinem Herzen vibrirt, wie es in seinem Geiste schwoll — das können wir eben so gut, ja besser erfahren, denn wir sind von keinem Vorurtheil bestochen. Es wird uns Niemand weiß machen können, daß Göthe keine schwachen Seiten gehabt,daß er nicht in vielen Punkten nicht mit feiner Zeit gelebt, und hinter ihr zurückgeblieben — eben so wenig, wie er in vielen anderen seine Zeit vollständig repräsentirt, in vielen seine Zeit überholt hat. Tritt nun gar Jemand ans, der um Göthens willen alle Zeitgenossen herunterreißt, alles Lob und alle Sympathie, die man einem andern Dichter zubringt, zerpflückt, die ganze Welt voller Bosheiten wider Göthe wähnt, und nun mit Händen und Füßen wüthet, und jene als den Abgrund der Undankbarkeit und Lasterhaftigkeit darstellt — Thor, Du machst uns nicht blind, nicht blind, weder für die Fülle und Vollendung jenes Genius, noch für das, was ihm mangelte, worin er kurzsichtig war, worin er seine Gränzen fand, wie jeder Sterbliche seine Gränzen findet. Doppelter Thor! denn die Verdienste dessen, den Du verherrlichen willst, erhöhst Du nicht, wol aber deckst Du den Riß wieder auf, den die Zeit schon zu verkleiden begann. Gewiß, Göthe wäre der erste gewesen, der solch' ein Machwerk unwillig zurückgestoßen hätte. Von wem wir sprechen? Von dem vr. Riemer, Oberbibliothekar zu Weimar, der in zwei Bänden so eben „Mittheilungen über Göthe" herausgegeben. Diese sind ganz der eben geschilderten Weise. Aus einer gistgeschwängerten Seele hervorgegangen, die Nichts anerkennt, als den Helden, den sie als ihren Theil ansteht, sind sie weit davon entfernt, uns ein klares, schönes Bild Göthens zusammenzustellen und vorzuführen, sondern frischen all' den Schmutz auf, den man je auf dasselbe geworfen, und erniedrigen Alles, was ihm zur Seite stehen könnte, selbst Schillern. Warum wir von ihm sprechen? Im ersten Bande weihet er No. XV, nachdem er zuvor von „Fremden" gesprochen, den „Juden," und will das Verhältniß Göthens zu ihnen darstellen. Worauf läuft es hinaus? Ein Verwandter von Felix Mendelssohn, also ein getaufter Judej, hatte eine Stelle in dem von Riemer edirten Göthe-Zelter'schen Briefwechsel übel genommen, dafür wollte Riemer ihn zurecht stempeln. Dann hatte Börne, also auch ein getaufter Jude, gegen Göthe, freilich sehr derb, geschrieben. Dies war nun Ursache genug, über die Juden loszufahren, und eine heiße Lauge über sie auszugießen. Denn auf welche leichtere Weise kann man den scharf einbeißenden Börne los werden, als