Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1841)
- Date
- 1841-07-17
- Page
- Seite 422 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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422 mir ein wesentliches Bedürfniß, dessen Abhülfe das Nächste sein sollte. Mag es hier gesagt sein: das Vertrauen des Publikums ist hierin nicht sehr groß, darum wendet es auch lieber realen Uebeln und körperlichen Gebrechen seine Thätigkeit und Milde zu. Berlin hat Vieles, unendlich Vieles gut zu machen! daß es den besten Willen hat, giebt Jeder zu, wünschen wir auch, daß es den Muth und die ernste Ausdauer habe, der abgestandenen Negative und Opposition zu entsagen, daß es eine mildernde Hand auf di?. Wunde lege, die nicht mehr schreiend klaffc; aber die wie eine Todes wunde innerlich atzend ein bläuliches Roth um sich zieht, und fahlgelbe Strahlen aussendet, den Scheidenden zu umspannen. Eine Todeswunde! vor einigen Wochen habe ich sie wieder gesehen, die einstmalige Quelle des Lichtes. Aus diesen Mauern nicht, sie sind neu aufgerichtet, und doch von diesen Räumen aus gingen die Strahlen und sammelten sich wieder hier. Ein-heller Brennpunkt eines unbändigen Lebens, das wie ein Schnur ohne Ende um sich selber in tausend Windungen wirbelte, bald in Knoten zusammenlief unauflösbar und bald wieder aufsprang, um Erde und Himmel in einem Bund zu schlingen, und in jeder Verschlingung waren Geschlechter zu Lausenden nebst allen ihren Interessen und Begriffen an einander gebunden, alt und jung, Weib und Kind, Geburt, Leben, Tod und Jenseits, alles in dem einen Band gereiht, Kunst, Wissenschaft, Natur und Zauber alles untereinander in dem unbändigen Knäuelkoloß der alten Religion.— Und nun, eine Todeswunde! Die glattgesessenen Bänke halb verstaubt, leer, nur ein halb schlummernder Mann saß, ein Gnome der Vorzeit, ein Wächter der alten Herrlichkeit, und summte jene einschläfernde Melodie, die man Nie, nie vergißt, wenn man sie auch nur einmal gehört. Wer hat diese Melodie erfunden? sie ist lustig und traurig, weinend und lachend, ächzend und jubelnd, singend und verblutend zugleich. Zwei bleiche junge Menschen waren noch die Insassin des urniLN n-a, der Eine schien so eben sein Mittagbrod aus flacher Hand gegessen zu haben; ich hörte ihn in einer gefährlichen Hast sich schaukelnd, dem lieben Gott für das gute breite Land, das er unfern Vätern gegeben, und daß er uns aus Aegypten geführt, danken; der Andere stand am Büchersp.inde, mit den durch Nachtwachen geschwächten Augen im innern Raum des Spindes suchend; und ich, ich kam mir wie ein Weinberauschter unter Fastenden und Betenden vor. — Da hast du -dich zurückgezogen, du alter, unmoderner Gott! Das Restchen deiner Garde, des Tages stürmt es herum, eine deutsche Grammatik unterm Arm, um Deutsch zu lernen, und nur des Nachts kehrt es hier ein, ein spärlich Häufchen Getreuer, um die Nacht in jenen Melodien, in jener Welt durchzuschwelgen, die einmal das Weltall Aller war! — Und wie armselig alles umher! Ist das eine Bibliothek? Sind diese einzigen zerlesenen Bücher Alles, was von den vielen Tausenden, die fromme dahingegangene hinterlassen, übrig-ist! Gewiß, zum Seminar, mit Recht ist viel verwandt, aber doch, dies so, so hinsinken zu lassen! ist es denn human? Wie mag-es hier vor hundert Jahren ausgcsehen haben — Vor hundert Jahren! Mein Gott! vor hundert Jahren, sind es nicht hundert Jahre gerade, daß ein blasses Kind hier einzog, arm, verwachsen, halb verhungert, zum Mahl vielleicht nicht einmal das trockne Stückchen - Brod, für das Jener immer noch dem lieben Gott dankt; vielleicht wo ich hier lehne, aE dieser Bank, an diesem Tisch, hat Moses, Moses Mendelssohn sein Mahl genossen, und auch so lange und so viel gedankt!-Bei Gott, ich wollte, Verklärter, du blicktest jetzt hierher, auch du würdest selig lächelnd aber schmerzlich zugleich ausrufen: eine Todeswunde!- Ich ging nachdenkend heim, und beschloß den Versuch, in diesen Zeilen Gedanken und Empfindungen auszusprechen *). —in. *) Und wenn wir nun dem Vers, bis hierher voller Theilnahme, Aufregung und Mitgefühl gefolgt sind, so wollen wir zum Schluffe unsre heilige Sache vertrauensvoll an den Busen des Vaters in der Höhe, in die Hand der göttlichen Fürsehung zu legen nicht vergessen! Diese hat bestimmt, Israel soll Vieles verlieren, und neben vielerlei Wust, leerem Haufen und Schmutz auch manchen Edelstein/manchen glanzenden Stern. Aber auch den Gewinn hat sie vorbereitet, und wenn wir ihn noch nicht baar und ausgeprägt hinzählen können: so wird die Zeit schon kommen unter ihrer allweifen Leitung. 'Ist es die erste Krise, die Israel durchmacht? Sollen die Fieberschauern mit einem Hauche aufhören? Wird doch