Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1841)
- Date
- 1841-07-10
- Page
- Seite 410 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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410 So sind die israelitischen Männer dieser Stadt, aber das größte Uebel — steckt in den Frauen. Diese glauben durch wahnsinnige Frömmelei die Schlüssel zum Paradiese zu besitzen, und wollen nach ihrem Tode in dieser schönen W^lt von ihren Kindern umgeben sein, gleichen Looses theilhastig. Mit der Milch ihrer Brüste übergeben sie daher diesen den Saft der Borurtheile, des Aberglaubens und der Absurdität, den sie nicht wieder aus ihren Seelen werden scheiden können, wenn sie auch noch so sehr ankämpfen. Durch Erzählungen wecken sie in ihnen die Furcht vor Gespenstern, und mit bigotten Liedern lullen sie ihre Säuglinge in den Schlaf. Auf's sorgfältigste aber achten sie auf den Unterricht ihrer Kinder in den Chedarim. Wollen wir den Unterricht in diesen Schulen näher beleuchten — schauen wir auf ihre Außenseite, welche Entfaltung der kindlichen Geister können wir durch die Troglodyten dieser Höhlen erwarten? Stelle man sich ein kleines, schmales Seitengaßchen, dessen Boden stets ein unergründlicher Koth bedeckt, stelle man sich darin eine Reihe ungetünchter, kleiner Häuschen vor, an denen die Fensterscheiben von aufgekleisterten Papieren ersetzt werden, man hat dann die hiesigen israelitischen Schuten aller Klassen vor sich. Schon von Weitem vernehmen wir lott allen Seiten die gellenden Stimmen der heisern Praceptoren, denen die jugendlichen Chöre ihrer Schüler folgen. Schon von Weitem hören wir das Gewinsel der gestraften Kinder mit dem höhnischen Gelächter der Strafrichter, den eintönigen Gesang des Alphabets mit dem Gesumme der vorgerückteren, welche die tiefsinnigen Kommentatoren aufsagen. Gelangen wir in's Innere, so begrüßen uns sofort vier kahle, vom Rauche der geborstenen Schornsteine dicht geschwärzten Wände, die hie und da von einigen Lumpen,^den Sabbatkleidern des Professors, bedeckt sind , ein hinfälliges Bett, rin hundertjähriger, von zerbrochenen Sesseln umgebener Tisch, der unter der Last zerrissener Folianten zur Erde zu, sinken droht. Oben in einem langen Kaftan und kurzem Tatit sitzt der Lehrer, und blickt mit boshaften Argusaugen auf seine demüthigen Sklaven, auf deren Gesichtszügen sich die Furcht vor den tyrannischen Peitschenhieben abbildet. In solchen Lehrstuben erhalten ' die Knospen Israels ihre Entfaltung. Kaum fangen die Kinder zu sprechen an, noch sind ihre Organe unfähig, die Worte zu ordnen, und schon werden sie von den Boten solcher Etementarlehrec, wie die Heerde vom Hirten hergejagt. Nicht schlechtes, die Gesundheit der zarten Körper gefährdendes Wetter befreit sie, sondern selbst während des Sturms, Regens und Ungewitters sieht man den „Behelfer," Dreijährige auf Schultern und Armen tragend, das übrige Regiment vor sich durch den Koth treibend, in das Zimmer der Peiniguiig sie bringen. Wenn der Winter die Erde mit Eis und Schnee überzieht, sieht man um 9 Uhr Abends erst die Kleinen ihrem Hause zueilen. Ja, eine Schule der Entbehrung ist es, genügsam zu sein in den Freuden dieser Welt lernen sie hier, und von ästhetischer Ueberreizung ist wahrhaftig keine Spur. Sobald die Kinder ihr erstes Lustrum zurückgelegt haben, werden sie aus diesen Elementar-Chedarirn entlassen. Trotz der mischnischen Vorschrift gehen sie, ohne die Bibel in die Hand zu bekommen, sofort zum Talmud über, und allwöchentlich bringt ihnen der Praceptor eine Stelle des Talmuds auf jede mögliche Werse der, daß sie, ohne jene im geringsten verstanden zu haben, bei der Sabbatprüfung sie herzusagen vermögen, wobei der anwesende Lehrer durch Mimik und geschickte Einlenkung glücklich sie durchbringt. Im siebenten Jahre beginnen die Tosefot-Klassen, die oas Kind der spitzfindigsten Analytik, im neunten Jahre mit dem anfangend, entgegenführen. Jetzt wächst die Kraft, und im elften Jahre liegen die Dissertationen des D'irifo , •pbmb ff. vor ihnen ausgebreitet, Die tiefgrübelnden Ausleger häufen sich, bis die 2*9213 herankommen, mit denen sich die Pforten der Gelehrsamkeit öffnen, deren Feld ohne Gränzen, ohne Horizont sich hinziehet. Bis zur Hochzeit sind sie allefammt der Ruthe des Lehrers unterworfen. Hier ist der Scheideweg, der eine Theil, ohne in der That Etwas von den durchmachten Studien begriffen zu haben, widmet sich dem praktischen Leben, während der andere Theil jene als Autodidakt weiter übt. Sie wählen sich irgend eine talmudische Stelle, erklären sie nach einem krausen Kommenrar, dann nehmen sie die Fragen oder Entscheidungen einiger Kasuisten zur Hülse, vergleichen sie mit denen Anderer, kommen zu neuen Fragen, bringen eine andere Stelle dawider auf, die wieder falsch gedeutet wird, bis sie durch verkehrteste Prämissen und sonderbarste Schlüffe herausgebracht haben —was sie von vom herein gewollt. Dies ist^Studium. Dergleichen wird dann öffentlich vorgebracht, giebt zu stundenlangem Geschwätz und Gezänke Veranlassung, bis etwaige Gegner niedergedonnert werden. (Fortseß ung folgt.)^