Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1841)
- Date
- 1841-07-10
- Page
- Seite 409 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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409 so befriedigt, wetrn es ihnen gelungen ist, irgend einen spitzfindigen Satz auszufinden, daß sie nur mitleidig auf das Ausland schauen, welches nach den Früchten der Civilisation ringt. Jedennoch fehlt es ihnen im Allgemeinen an ausharrendem Fleiße, um Ln die Tiefe der theologischen Wissenschaft zu dringen, sie bleiben an der Oberfläche. Ihre Versammlungen halten sie Ln den Lehrhausern, wo sie mit funkelnden Augen und durchbohrenden Fingern, mit donnernder Stimme und hüpfender Stellung einen gelehrten Streit führen, und ihre oft nicht sehr reichen Kenntnisse im Talmud auskramen. Zu diesem Behufs sind hier zwei Gesellschaften entstanden. Die Eine nennt sich, weil ihre.Jünger die Nachte mit dem Studium des Talmuds verbringen, 'in, und es giebt Niemanden aus der auf Ansehn und Ruf Anspruch machenden Jugend, der sich von dieser Gesellschaft, die sammcliche Tatmud-Traktate alljährlich auslernt, ausschließen sollte. Die andere Gesellschaft, die kleinere, aus Aristokraten und alten Orthodoxen bestehend, führt den Titel nvw» 'n, weit die Mitglieder derselben monatlich die 6 Mischna-Theite ausstudieren. Daß durch diese Gesellschaften der Geist der Jugend angezogen und gefesselt wird, ist leicht abzusehen. Aber die sogenannten „Weltmenschen/' wie sich hier die Kauf- und Erwerbsteute nennen, haben sich allerdings durch Erfahrung in den Verhältnissen des Lebens freiere Ideen erworben, und, wären sie'in anderen, erleuchteteren Städten, wer weiß, zu welcher Partei sie sich gern bereit schlügen — allein da ihre Zahl beschränkt ist, und sie die Verachtung und Ausstoßung der Gesammtheit fürchten, verstellen sie sich, und spielen aus Furcht die Rolle der eifrigsten Fanatiker, auch die kleinsten der 13602 Paragraphen der 4 8cliuleh. Ar. beobachtend. Welche moralische Wirkung hieraus resultirt, kann man sich vorstellen, und ließe sich auf ihren geheimen Wegen auch verspüren. Gerade sie geriren sich daher als die eifrigsten Feinde der Zivilisation, und die meiste Schuld an der hier herrschenden Verfinsterung der Masse tragen diese. Erfreulich ist es hingegen zu bemerken, daß in Lublin gar keine oder wenige Chassidim existiren. Wenn man bedenkt, daß alle gegenwärtigen chassidischen Rebi's die Schüler eines in Lublin vor 30 Jahren lebenden größten Rebi's seiner Zeit, nämlich R. Jtzikel — von dem wir ein ander Mal ein Mehreres mittheilen werden — ^) sind, und daß sie hier ihre Kongresse hielten, wie vor einigen Säkula die größten Rabh.inen **), so. muß man sich des Fortschrittes wundern, da, wahrend in Warschau die reichsten, sich jüdisch tragenden Israeliten verschwenderisch gegen jeden nur möglichen Rebi sind, man sie in Lublin verhungern lassen wird, ohne Erbarmen. Im Gegentheit sind hier die stärksten Unkämpfer gegen den Chassidismus zu Hause und dessen wenige Anhänger sind nur solche, die Nutzen daraus ziehen wollen. Allerdings giebt es auch unter den israelitischen Bewohnern Lublin's Einige, die sich dem gewöhnlichen Treiben und den Meinungen Andrer nicht so unbedingt preisgeben, sondern sie würdigen die Religion eigenen Nachdenkens, was sie als Anhänger des Maimuni als die höchste Tugend erachten (Mor. Neb. 1, 54.) Allein sie erheben sich m-e über die Philosophie Maimuni's, betrachten die Gegenwart als eine Zeit des Rückschrittes, die Epoche Maimuni's als das goldne Zeitalter unsrer Religion; sie bestreben sich daher auch der, selbst bei den Zeloten veralteten Sitten, ahmen in ihrem Ritus den ältesten portugiesischen nach. Auch sie wenden daher ihre intellektuelle Kraft an, auch die geringste Verbesserung in dem alten Gebäude unsrer Religion zu hintertreioen, und ihr'Bestreben geht dahin, in der Krisis der Jetztzeit, so weit diese nach Lublin gedrungen, das ganze Alterthum, selbst inwiefern es schon längst erloschen, wieder heczustellen. Daß aber gerade diesen am wenigsten abzugewinnen sein wird, läßt sich aus der Natur des Menschen schließen. Denn wo das Treiben des Menschen nur auf Gewohnheit, Ueberlieferung, Erziehung sich gründet, siehtman oft einen allzuplötzlichen Umsprung des Menschen; wo es sich aber auf verdrehte, in sich befestigte Axiome stützt, ist es unwandelbar. *) Sein eigentlicher Name war R. Jitzchock, aber seine Leute machten den Namen zarter. In der Mythologie der Chassidim prangt er als einer der Obergörter, deren Haupt der bekannte Baal schein ist. Co cresp. *p) Im 16. Jahrhundert, in den Zeiten des Qnnn, VbnSnD, ‘pbmb, pflegten sich alle großen Rabbinen Polens alljährlich am Maria-Reinigungsfeste (poln.: Gramme) zu dem zu Lublin damals stattsindenden Markte, wo eine große Masse Israeliten gegenwärtig war, zu versammeln, um schwierige Prozesse durch Berathung zu schlichten, und das Wohl der Gesammtheit zu fördern, s. Nttnnrc bvtt pns) rpö. Corresp.