Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1841)
- Date
- 1841-07-10
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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gut! Soll auch der Gemeindevorstand ein Religionsbuch machen? Nein! Welches der vorhandenen soll zur Grundlage des Unterrichts gemacht oder welch' ein Religionslehrer soll angestellt werden? Wir haben ein altes Judenthum, und für dasselbe ehrenwerthe Repräsentanten, wir haben auch viele neue Judenthümer, die von einander, nicht unbedeutend abweichen. Von den gelehrten Repräsentanten derselben, die Religionsbücher geschrieben, haben Einige den raia, Andere den •a© d'1 diese rvmoN ni^area, jene nnaa nsra, diese jene nn^a, diese yan nVoK, jene nsta 'V’as u. s. w. u. s. w. bald beiläufig behandelt, baldnegirt, bald ignorirt u. s. w. Frägt man nach den Gründen, so hat man gewiß für jede Ansicht sehr vernünftige, gelehrte, rationelle, talmudische Ursachen; wer aber ist kompetent hierin zu entscheiden? Es wird jeder jzugeben: so gebildet unser Gemeinde-Vorstand ist, so sehr sich einzelne Mitglieder ehrenvoll in jeder Beziehung auszeichnen, so wenig kann irgend Einem zugemuthet werden, hierin den Ausschlag zu geben? Wir wollen uns einmal an ein Beispiel halten. Gesetzt, ich trete heute auf und sage: „Mir ist ein Sohn geboren, ich wünsche, daß er Jude sei, will ihn also in den Lehren, Gesetzen, Geboten und Verboten des Judenthums erziehen; ein solcher Akt wie die Beschneidung aber scheint mir überhaupt barbarisch und unvernünftig, und wünsche ich ihn allgemein abgeschafft; besonders aber bei meinem Sohne, von dem ich doch nicht einmal weiß, ob er Jude bleiben will, kann ich auf mein Gewissen, die Beschneidung nicht vollziehen lassen; und — angenommen der Staat hätte sich darum nicht gekümmert — mein Sohn wächst unbeschnitten auf. Groß geworden/ bekennt er sich zu allen Lehren des Judenthums, und nun entsteht die Frage: ist er ein Jude oder nicht? Geburt und Bekenntniß machen ihn zum Juden, und nur die Ceremonie des Beschneidens fehlt, die, wenn wir nur vernünftig urtheilen, barbarisch ist. Ich bin meiner Sache nicht ganz gewiß, glaube aber, daß die alten Rabbinen diesen wie einen bnV nana vn« wad selbst dann, wenn das Bekenntniß des Judenthums fehlen würde, behandeln würden; umgekehrt, wenn ein Christ oder ein Heide sich zum Judenthum bekennen würde, ohne ba zu sein, würden sie ihn als Nichtjuden ansehen. Hat aber auch nur einer der Vertreter des Neuen Judenthums festgestellt, wie es mit solchen zu halten? Wir sehen, daß selbst nicht das allerwichtigste und erste Gebot n^a und sein Verhältnis! zum Judenthum einigermaßen gegeben ist, und nur im alten Judenthum sind solche Fälle genau entschieden. Es wird demnach wol einleuchten, daß, bevor ein Gemeinde-Vorstand einen zeitgemäßen Religionsunterricht ertheilen lassen soll, mindestens die zeitgemäße Religion bestimmt sein muß; diese existirt aber nur in den Köpfen der Schnellsegler, welche Reformationen, Konstitutionen und Institutionen mit einem Witze fertig machen °). *) Der Herr Verfasser geht hier überall von dem Standpunkt aus, daß das konkrete alte Judenthum vollständig aufgcgcbm, und ihm dafür ein völlig fertiges, konkretes neues Judenthum in die Hand gegeben werden solle, und zwar ein solches, wo kein Punkt streitig, wo Alles bestimmt und geordnet sei. Und' dann will er irgend Gemeindeinstitute nur von einem solchen fertigen neuen Judenthum abhängig machen! Uns scheint er in beiden Punkten zu irren. Eine solche systematische Reform wäre eine Erscheinung, wie sie die Weltgeschichte noch nie hervorgebracht. Als die Propheten den versunkenen/ von dem Volke, in jeder Weise korrumpirten Mosaismus reformiren wollten: sind sie in vierzehn Tagen fertig gewesen? haben sie einen neuen Kodex geschrieben? wie sieht es mit dem Versuch des Ezechiel (von Kap. 40 an) aus? Stimmen sie überein? zertritt nicht Jesaias den Opferkultus, wahrend Ezechiel ihn von Neuem sorgfältig aufbauen will? Als das talmudische Judenthum sich aufbaute, und eine Basis für anderthalb Jahrtausende schaffen wollte, war man in einem Jahrzehend fertig? konnte man sich vereinen? stand das B. Schammai nicht dem 33. Hillel schnurstracks gegenüber, und stimmten sie in wesentlichen und unwesentlichen Punkten überein? um ein Beispiel anzuführen, wie himmelweit sind sie in den Motiven der Ehescheidung von einander entfernt — mußten nicht überhaupt erst 7—800 Jahre später die ganzen Eheverhältniffe neu geordnet werden? Und auf anderm Gebiete: war die Reformation mit Luther fertig? begann nicht der hitzigste Kampf der Theologen erst nach dem Tode Luther's, und hat er bis heute aufgehört? Wie will also der Vers, mit einem Male ein fertiges neues, konkretes Judenthum verlangen, wo ihm alle Einzelfragen entschieden entgegentreten sollen? Ueber Einzelfragen waren von jeher auch die Rabbinen sehr verschiedener Ansichten, und werden verschiedene Ansichten zum Vorschein kommen bis am Ende der Welt. Darum aber nun warten, mit den allernöthigsten Anstalten warten wollen, bis eine vollständige, vollendete Richtung ge-