Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1841)
- Date
- 1841-07-10
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
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402 alten. Es scheint kaum der Rede werth, und doch ist der moralische Eindruck ein mächtiger, auf das Heranwachsende Geschlecht. Sehen Sie, es wird Zeder gestehen, daß z. B. die kleinen Illuminationen am roisn weit vernünftiger und schöner sind, als der Weihnachtsbaum; man kann zwar ohne jene Lichter auch Jude und braucht mit dem Weihnachtsbaum immer noch kein Christ zu sein; und dennoch sieht es jeder ein, daß, wenn der Jude zu wählen hat, er jene Lichter vorziehen soll; aber leider steht die Wahl kaum mehr offen. Sie werden es kaum glauben, aber unvermerkt, ja gegen den eigentlichen Willen der Familienväter, der Hausmütter, haben sich die Weihnachtsbäume allgemein in jüdischen Häusern aufgepflanzt, und die unschuldigen Lichter, die unsere jungen Tage erfreut haben, ausgelöscht. Dies scheint nun unschuldig, der Erwähnung kaum werth, und ist es an und für sich auch, aber der moralische Eindruck aus die Jugend ist ungeheuer. Was uns Spielzeug, Mode ist, wird der Jugend selbst noch in spätesten Tagen heilig und schön, während es jetzt schon von unauslöschlichem Eindruck ist. Was kann uns, unsere Religion mehr erheben, als der Stolz, mit dem wir sagen können: wir sind Juden! Wenn wir uns hiermit keine Vorzüge zu rühmen hätten, so enthält der Ausruf die Abwehr vieler Jrrthümer, die, wir brauchen das Bekenntniß nicht zurückzuhalten, im Glaubensbekenntniß unserer christlichen Mitbrüder liegen, aber leider wird es völlig unmöglich, unserer Jugend jenes edle Selbstbewußtsein einzupflanzen. Dieses Selbstbewußtsein scheitert — Sie werden es nicht glauben — an der Toleranz unserer christlichen Mitbrüder. Die Spielgenossen unserer Jugend haben noch durch den Borwurf: „du bist ein Jude" uns dann und wann verscheucht; 'war es uns auch schmerzlich, so hat es doch in edleren Gemüthern den Stolz des Selbstbewußtseins geweckt, allein jetzt; — ich muß Ihnen einen Scherz erzählen — ich habe meinem Kinde eine Bilderfibel gekauft, worin, ich habe es früher nicht bemerkt, unter F. eine Fahne, unter G. ein Garten, unter H. ein Herkules, unter I. ein Jude, und K. ein Kamm u. s. w. gemalt ist. Was F. G. K. u. s. w. bedeutet, wußte es sehr wohl, nur über den Herkules und den Juden sollte ich Auskunft geben. Glauben Sie mir, so komisch es mich im ersten Augenblicke, so ernst stimmte es mich nachher! und dies Kind sieht noch vieles vor sich: das Walten einer frommen Mutter, im Hause die Sitten und Gebräuche der Juden, soweit sich's thun läßt, befolgt; allein der Sonntag, wo jedes Geschäft ruht, ist dennoch feierlicher als der Sonnabend, selbst wenn der Tisch weiß gedeckt ist, und die Eltern dann und wann Zeit gewinnen, das Bethaus zu besuchen; und wenn auch die Lichter am b,2i:n Vergnügen machen; der Weihnachtsbaum ist um so unvergeßlicher, als Gesinde und Spielgenossen den Weihnachtsmann, der Spielzeug bringt, in ewig frischem Gedächtniß halten; und — wenn es darauf ankäme — das Kind glaubte vielleicht eher, ich sei ein Herkules als ein Jude. Es hat dies indessen jetzt wenig zu sagen, das Kind hat die Jahre noch nicht erreicht, in welchem es Religionsunterricht nehmen könnte, und ich hoffe, ihm dies Selbstbewußtsein seiner Religion zur Zeit beizubringen. Aber in welcher Weise soll dies geschehen? Wie gesagt, hatten wir ds nicht nöthig, wir sind in Absonderung ausgewachsen, und das Bewußtsein kam von selbst. Wir hatten uns in einem Alter von kaum fünf Jahren schon ununterbrochen durch den ganzen Tag mit dem lieben Gott zu beschäftigen, und wurden von selber all' jener Ideen inne, die wesentlich und unwesentlich unserer Religion inne wohnen; jetzt muß der Ersatz irgendwo anders Herkommen. Die schnellfertigen Leute sind niemals um eine Antwort verlegen, die. wissen immer, was die Glocke geschlagen hat: „wozu haben wir einen Gemeindevorstand? Dieser muß für alles sorgen; er muß Religionsschulen einrichten, muß .unfern Kultus bilden, unsere Rabbinate reformiren, und mit einem Worte unserer Theologie auf die Beine helfen!" Das ist so ziemlich der Sinn vieler vernünftigen und unvernünftigen Raisonnements, zu denen sich als Folio noch einige halbscheue Bemerkungen über den Staat beigesellen, dem ebenso wie dem Gemeindevorstand unter der Blume gesagt wird, was er zu thun hat, wie emanzipiren, den Kultus und die Rabbinate reformiren u. s. w., lauter schöne Sachen, die sich schwerlich ausführen lassen, ohne lange Zeiten der Vorbereitung und der strengsten Thätigkeit, und, was Hauptsache ist, Einrichtungen, von denen man nicht weiß, welche der andern vorangehen muß. Die Gemeinde soll Religionsschulen errichten;