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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-06-19 · Heft 25 (19.6.1841) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 25 (19.6.1841)
Date
1841-06-19
Page
Seite 364 (sequence 12)
Language
German
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364 ihnen beim Alten — wenn auch etwas modisizirt — zu bleiben. Religion ist ihnen: Morgens Tefillim legen, Abends Mincha und Maarib nicht zu vergessen, und wenn auch dies nicht, doch Schabbat die Synagoge zu besuchen mit dem Kinde und kein Trefe zu.essen. Ist beiläufig ein Lehrer vorhanden, der einige Peter Beer'sche, Johlson'sche u> dgl. Begriffe von dem Menschen als dem vorzüglichsten Geschöpf auf Erden, von den Pflichten u. dgl. beibringt, so wird es connivirend zugegeben, denn — es schadet doch wenigstens nicht. Das Leben des jungen Menschen wird somit ein Kranz (wenn auch kein Rosenkranz, doch ein Asterkranz) von Formeln, Gebeten, Ritualen u. dgl., ganz so wie bei den Alten, nur — und das war eben bei den Alten die Folie — es steht kein nii-r mehr dahinter. Der liebe Mensch wird zwar eine Zeitlang zu den Tesillim gebeten, auch mitunter geprügelt, aber ihn lacht doch das Schild des Wirthshauses und die Gitterpforte des öffentlichen Gartens am Schabbat mehr an, wo man ihn vor 50 Jahren herausgeworfen hatte, als die Thür der Synagoge und ehe man stchs versieht, spielt er hinter dem Rücken des Vaters einmal — Billard und lernt Wurst essen. Wer Billard spielt und Wurst ißt, warum soll der späterhin nicht offenes Geschäft am Schabbat halten, und vor Geschäften an Alles vergessen, was der Vater heilig gehalten, und Alles über den Haufenwerfen? Und siehe da, der Mensch ist dahin gekommen, wo jener ohne alles Bewußtsein seiner Religion, im Gegentheil er kennt nun Alles, was der Hause heilig hält und belächelt, bespöttelt, bekrittelt es und die Leere in ihm und um ihn wird noch größer, wenn nicht zuweilen im bessern Ich der Gedanke an die Kindheit, wie an ein fernes Eldorado, in ihm aufsteigt und einen trüben Schlagschatten auf die Jetztheit wirst. Unzählige sind nun die Varietäten, die aus der Vermischung so verschiedener und extremer Prinzipien entstehen, Spielarten, die wir nicht alle berühren können. Dies zeigt sich nicht allein im Familienleben, auch im öffentlichen. Der verlangt gar keinen Religionsunterricht für seine Kinder, der für Knaben einen andern als für Mädchen, der sehr wenig, der andere sehr viel, der eine in antiker Form, der andere in modernisirter, mein Kind braucht kein Hebräisch zu lernen, mein Kind soll Tenach, wo möglich Talmud studiren, — ob mein Junge benschen lernt oder nicht ist mir gleichgültig, ich halte alles Formelle für unwesentlich: mein Junge soll es lernen, denn wenn auch nicht für meinen Tisch, er kann aber einmal in die Fremde kommen und dann wäre es eine Schande, nicht benschen zu können! — ach, die deutsche Bibel ist genug, warum quälen Sie das Kind mit den Paradigmen der Zeitwörter? — o gar keine Bibel, denn es kommt vieles darin vor, was man Kindern nicht vorlegen darf! — Die eine Gemeinde will eine allgemeine Schule, wo Alles und auch viel oder etwas Religion gelehrt wird, die andere eine Religionsschule, das Uebrige kann die Jugend wo anders lernen, — jene Gemeinde verlangt einen Doktor, um die Gebrechen ihrer Kleinen zu kuriren, diese einen — Schächter, der zugleich Vorsänger und Kinderlehrer ist, um 6 Uhr in der Synagoge vorbetet, dann einen Ochsen schlachtet und um 10 Uhr unter Seufzen und Stöhnen die Kinder vornimmt, um ihnen — Religion beizubringen. Welche Consticte zwischen Haus und Schule, zwischen Lehre und That, zwischen Wollen und Vollbringen, welche schiefe Stellung zwischen Lehrer und Eltern! In der That, wer kann so hartherzig sein, hier nicht eine Thräne des Mitleids zu weinen und tiefe Wehmuth zu empfinden, wer so gleichgültig für das Höhere und Heilige, diese der Wahrheit gemäß geschilderten Gebrechen nicht zu fühlen, zu begreifen, wer so faul und lässig, nicht mit aller Kraft nach Abhülfe zu ringen! Was hilft alles Schreiben und Sprechen, alle Weisheit der Verständigen, was alles Klagen, Wünschen und LaMentiren nach Emancipation, wenn nicht ein Feuereifer jedes israelitische Herz bewegt und Handlungen, Handlungen resirltiren, die der Roth abhelfen. Darum, meine israelitischen Brüder, nehmet die folgenden Aufsätze, in denen ich versuche, ein israelitisches Familien- und Schulleben aufzubauen, wohlgefällig auf und sehet darin einen Versuch, ein Scherflein beizutragen zum wahren israelitischen Wohl. Denn, wahrlich, es thut Noch, es thut große Noch, dem religiösen Verfall der Jugend zuvorzukommen. Es greifet dies in ihre heiligsten Interessen, ja in ihr materielles Wohl ebensogut ein. 0r. Uri. (Fortsetzung folgt.)

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