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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-06-19 · Heft 25 (19.6.1841) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 25 (19.6.1841)
Date
1841-06-19
Page
Seite 362 (sequence 10)
Language
German
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362 lich den Vater anlächeln wird, es erhob ihn der'Gedanke, wie er mit diesem seinem Sohne am Schabbat in Festkleidern zum Tempel wallen wird, wie der Knabe in der Tsilla Bescheid weiß, die Ordnung aller Gebete kennt, bei jedem Segensspruch mit lautem Amen einfällt, selbst die Geduld während des Toralesens nicht verliert, sondern ausharrt und auch hier die Stimme des Vorlesers verfolgt, er dachte, an sein Kind und seinen Schabbat, und vergessen waren Plackereien und Schimpfreden, wie leicht beschritt sich der schneebedeckte Hohlweg, und aus dem Dorngestrüpp und dem Köder an der Erde sah der Blick hinaus in die Wolken und weidete sich an den einzelnen lichten Sternen, die am trüben Horizonte funkelten. Der Knabe muß was lernen, der Knabe muß fromm werden, der Knabe soll ein guter Jude werden, und ehe er das nicht wird, lieber, mag ihn unser Herr Gott zu sich nehmen! Das waren so gewöhnliche Ausrufe jüdischer Väter und Mütter, daß ich den selbst unter der jetzigen Generation sehen möchte, der sie nicht aus dem Munde der Alten gehört. Ging eine Seligkeit über die, welche die Brust der Eltern empfand, wenn der Knabe nun bar Mizwa wurde, zum ersten Male zum Toralesen aufgerufen, in einer Derascha seinen enormen Witz, seinen Scharfsinn, seine Gelehrsamkeit bewies, und wenn auch der andere Tag mit dem Kram von Bändern und Stecknadeln, den Pfeifenköpfen und baumwollenen Tüchern als nothwendiger Advent vor ihm lag, dennoch war eine Heiligkeit über solchen Schabbat gegossen, es war der heiligende und geheiligte Abschluß einer Lebensperiode, die heitere Vigilie zu einer künftigen, wenn auch geplagten, wenn auch verdüsterten, wenn auch unruhvollen und mühsamen Zeit. Glaube Keiner, daß ich ein Apologet der alten Judenzeit sein will, ich kenne sie mit ihren Miserabilitäten und Zwickzwackereien, mit ihren Gebrechen und Schäden, ihren geheimen und offenen Wunden, glaube Keiner, daß ich in jedem Bandjuden des vorigen und jetzigen Jahrhunderts in romantischer Empsindelei einen Heros erblicke — aber wer wagt es zu bestreiten, daß das religiöse Element weit vorherrschender, in seiner Bedeutsamkeit anerkannter und würdevoller war, als bei unfern modernen, und dreist behaupte ich es, in den meisten dieser Bandjuden stak mehr Kern, als in den meisten unserer abgemergelten, dünnen Commisvoyageurs und cigarrenrauchenden- Comtoristen mit ihrer Fadaisance und Prunksucht, ihrer christlichen Nachäfferei und ihrer Unbescheidenheit, solche elende Judenjungen waren mir lieber, als die sogenannten gebildeten Söhne unserer Modernen in Kaffee- und Freudenhäusern, auf Theatern und Bällen. Und daran war das bischen religiöse, wenn auch stümperhafte, doch ub> tnm gereichte Erziehen Schuld, während Moderne ihre religiöse und moralische Bildung aus — Walter Scott, Bulwer, ja auch aus dem großen Meister Heine, Börne und Consorten erhalten. Denn man sehe sich doch einmal um, welche Menschen gebiert unser Zeitalter! Ich will einmal die Wahrheit sagen und das kann ich, denn ich schreibe dies fern vom Geräusche der Menschen, in der Zurückgezogenheit des Landlebens, ohne Interesse und Furcht, nur mit einem warmen Herzen für die! Religion meiner Väter und für Israel und ich bin weder orthodox, noch heterodox, alles Oxische und Jstische ist mir verhaßt. Wir haben unter uns Juden jetzt mehr als ein Alphabet Narren und die Zeit schüttelt wie in einem Kaleidoskop immer mehr sonderbare Figuren zusammen. Ich rede zuvörderst nicht von den ehrbaren, tüchtigen Geschäftsleuten, die Tag und Nacht an dem bürgerlichen Wohl ihrer Familien arbeiten und sich sonst um Gott und die Welt nicht viel bekümmern, aber man sehe zuerst doch unsere Gelehrten an. Die bilden sich zu Rabbinen und Gesetzeslehrern, auf Gymnasien und Schulen und Universitäten, nebenbei sind sie auch Bachur's bei diesem oder jenem alten Rabbi, und Spaßmacher in den Gesellschaften. Mit einem Wust ungeordneter Kenntnisse und halben Wissens, weder durchdrungen vom klassischen Geiste des Alterlhums, noch von dem gigantesken des Rabbinismus ist ihr einziges Bestreben, das — nur erst Doktor zu werj den, Doktor der Philosophie in Kiel oder Jena, in Gießen oder Marburg oder aus einer andern berühmten Universität. Jetzt haben sie einen Freibrief zur Kultur, Reformation, zum Ausbau und Wiederbau des Judenlhums, sie können schöne Predigte» machen, welche alle Frauen zu Thränen rühren, so daß sie ihre Männer bitten, den jungen Mann ja ins Rabbinat zu befördern. Gethan wird nicht viel zur weitern Ausbildung, denn sie haben ja das alte und neue Judenthum erfaßt, wie Keiner vor ihnen,

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