Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1841)
- Date
- 1841-06-05
- Page
- Seite 330 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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330 schm Geschäfte brachte mir ein mäßiges Kapital, welches immer im Wachsen blieb. Aber mit dieser sorgenlosen Existenz kam der Dämon der Krankheit zu mir. Das anhaltende Arbeiten, die sitzende Lebensart, verbunden mit der Einsamkeit und gesellschaftlichen Abgeschlossenheit, in der ich vegetirte, legten den Grund zu dem hypochondrischen Nebel, gegen das ich vergebens ankämpste, und das mir die Lage meines irdischen Daseins verbittert. Zwar habe ich, als vor zwei Jahren mein Freund starb, und ich aus der übrigen, längst neidischen Advokatenwelt keinen neuen Beschützer zu finden hoffen durfte, meine Geschäfte ausgegeben, zwar weiß ich meine jetzige Muße angemessen auszufüllen, indem ich ein regelmäßiges Studium der deutschen und französischen Klassiker für mich begonnen, und die vielfachen Lükken meiner geistigen Ausbildung so gut als möglich auszufüllen strebe, nebenbei auch mit Lust überall, wo ich nützen und helfen kann, mit meinen schwachen Kräften zu nützen und zu helfen suche —■ aber mein körperliches Leiden schafft mir unsägliche Kämpfe, und verfinstert auch meine Seele oft so sehr, daß sich mein ganzes Leben mit einem trüben Schleier bedeckt. Ach, wenn ich oft aus meinem einsamen Lager die Nächte durchseufze, und mein Auge irrt über meine ganze Vergangenheit hinweg: wie erscheint mir dann mein Leben so nichtig und leer, so innern Gehaltes und tüchtiger Kraft baar. Mein Leib ist gebrochen, meine Seele muthlos, mein Geist so schwach und mangelhaft, Nichts habe ich gethan, Nichts hervorgebracht, wobei ich weilen, was meinem frühem und spätem Leben einen Anhalt gebe; ich fühle, wenn ich das Auge schließen werde, wird kein anderes sich mit einer Thräne füllen, und mein Name über Nacht vergessen sein. Das war ich, Freund, das bin ich. Und dennoch habe ich Ihnen nur die Hauptmomente geschildert, und das Meiste, weil es äußerlich unbedeutend, ging in der Bewußtlosigkeit des Verlebens unter, oder ich wollte nicht zu breit und weitläufig sein. Aber Sie haben es in Händen, was mein Leben so widerwärtig gemacht, und ich will es nur mit Stillschweigen übergehen. Jedes Opfer, was als solches in Anschlag gebracht wird, hört auf, Opfer zu sein. Und zumal die Religion ist ja als Ueberzeugung nur wir selbst, nichts Aeußerliches, sondern ganz wir selbst, und was wir ihr opfern, bringen wir uns selbst, unserm eigensten Ich dar. Und Sie haben Recht, wenn ich einmal unglücklich und des Leidens voll sein sollte, hätte ich es unter anderen Umständen eben so gut werden können. Nichts desto weniger habe ich die schmerzlichsten Verluste gehabt, weil ich Jude bin. Doch ich murre nicht, sondern klage nur die an, welche es bis dahin bringen, und wünsche, daß unfern Enkeln solche Kämpfe erspart blieben.. Freund, antwortete Bernhard, ich bin Ihrer Erzählung noch zu voll, als daß ich Ihnen über Ihre Bemerkungen vom Judenthume und seiner Stellung antworten könnte. Aber Eines fehlt Ihnen, Freund! Eines mangelt Ihnen! Eines muß ich Ihnen empfehlen — die Bibel. Ja, Ihnen, mit Ihrer Innigkeit, mit Ihrer Tiefe des Gefühls, mit Ihrem verwundeten Herzen, und anhaltsloser Seele, Ihnen fehlt die Bibel. Ergreifen Sie sie, lesen, studiren Sie sie, in der Ursprache, in der Fülle des Wortes, und Sie werden einen kräftigen Stab für den Rest Ihres Lebens haben. Ich bin selbst kein eifriger Leser derselben, aber es ist mein Instinkt, Ihnen ist sie nothwendig. — Außerdem, ich bin einmal Geschäftsmann, fallen mir hundert Pläne ein, lassen Sie mich erst zur Ruhe kommen, ich lasse Sie nicht, ich schleppe Sie mit mir; Sie müssen gesunden und noch fröhlichen Alters werden, darauf schwöre ich, so Gott will! Bernhard hat seinen Schwur gehalten. Nach Beendigung der Badekur begleitete ich ihn zu seiner Familie, wo es mir herzlich wohl erging. Alle Glieder derselben beeiferten sich, mir gefällig zu sein, ich gewann sie lieb, und sie mich. Kurz, da mich an meinen Wohnsitz gar Nichts fesselte, beschloß ich, mich zu ihm überzusiedeln, und in der Nähe solches Freundes und so vieler lieben Wesen meine Tage zu enden. Aber ich bin doch nicht zu Ende. Nachdem ich kaum hier angekommen, und eine Wohnung genommen, wollte die löbl. Polizei mich als auslandi- -schen Juden nicht dulden. Kaum konnte mein Freund es bewirken, daß ich nicht sofort die Stadt verlassen mußte. Noch schwebt die Sache bei den höheren Behörden, und es werden noch einige Monate vergehen, bevor ich dem theilneh wenden Leser das Resullat werde mittheilen können. Du flehst, mein