Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1841)
- Date
- 1841-06-05
- Page
- Seite 329 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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329 die Verzweiflung meiner Lage, nicht das Gefühl, abermals am Grabe aller Hoffnungen zu stehen/ und wieder keinen Ausweg, keine Lebensbahn eröffnet zu haben — nein, alle Persönlichkeit verschwand mir in diesem Augenblicke, und nur die schreiende Ungerechtigkeit regte ein niegefühltes Toben meiner Brust auf. Bis jetzt war mir mein Glauben feindlich entgegengetreten, diesmal trat die Welt feindlich meinem Glauben entgegen. Bis jetzt hatte ich. geglaubt, der Jude habe sich der Welt entschlagen, jetzt zeigte sich, die Welt habe sich des Juden entschlagen. Die Dienste, den Enthusiasmus, das Blut des Juden annehmen, und dann doch ihn allwege zurückweisen, das ging mir über alle Menschenmöglichkeit. So hatte die Glocke mit dem ersten Ton des Friedens wieder angeschlagen die Töne des Hasses, der Kleinlichkeit, der Widerlichkeit, alle Mißklänge der Ungerechtigkeit und Zurückstoßung. Im ersten Augenblicke wollte ich die Kriegsmedaille, die Anwartschaft auf's Kreuz, den ehrenvollen Abschied, alle Erinnerungen meiner Kriegsjahre einpacken und den Herren überschicken. Aber ich wartete doch den Moment der Ueberlegung ab, und da ich doch wenigstens die Erlaubniß, im Preußischen zu wohnen, behalten wollte, um nicht wieder vagabundiren zu müssen, so hielt ich mich zurück. Doch that ich mir ein feierlich Gelübde, nie wieder das Mund einzuknüpfen, nie mein Anrecht auf das KreuzHeltend zu machen, und dies nie anzunehmen, und dieses Gelübde habe ich gehalten. Als meine wenigen Sparpfennige zu Ende gingen, und ich zu ruhiger Ueberlegung kam, nahm eine fürchterliche Angst in meiner Seele Platz. Ich wußte gar nicht aus und ein. Ich hatte gealtert, das Haar ward dünner auf meinem Scheitel, und ichKand noch als alter Knabe auf demselben PunkteMMe damals, als ich aus P. auswanderte, ein Schächter zu werden. Und der Schmetterlingsstaub der Jugend war längst abgewischt, und ich wußte, daß ein alternder Mensch, wenn er einsam steht, ganz verlassen ist-was nun? Wie oft wandelte ich an dem Ufer des Stromes, und blickte sehnsüchtig in das offene Grab, welches die Wellen dem müden und bestaubten Pilger lockend bieten. Nur das Auge meiner Theodore blickte bald streng, bald milde mahnend aus dem blauen Wasser mir zu, und wenn ich mich hinunterneigte, hob sie drohend einen Finger. Ja, ich war verlassen. Meine früheren Obern mieden mich, denn sie fühlten aus mir den Stachel des Vorwurfs heraus, meine Kammeraden hatten sich zerstreut, das bürgerliche Leben hatte seinen rollenden Lauf wieder begonnen, in welchem ich so überlei erschien. Da nahm sich das Geschick meiner an. Eines Tages ging ich wieder auf dem Glacis der Festung längs des Flusses, die Kühle des Abends genießend, als der Strahl des Vollmondes mir ein blinkendes Stück in den Augenwurf brachte. Ich hob es auf, und es war ein Ring mit einem ziemlich großen Diamanten, innen waren Buchstaben und Datum eingegraben. Ich nahm es mit nach Hause, und suchte in den nächsten Tagen unter den Anzeigen der Zeitung die Bekanntmachung des Verlustes. Auch fand ich diese bald unter Zusicherung einer Belohnung. Ich überbrachte den Ring dem Eigenthümer, der sehr erfreut über die Wiedererlangung war, da er das einzige Vermächtniß eines früh verstorbenen Vaters war. Es war ein Justizkommissar, der, da ich die Belohnung zurückwies, sich nach meiner Lage erkundigte. Ich legte, da sein offenes Gesicht mir Zutrauen einflößte, diese ihm freimüthig dar, und er bot mir sofort Beschäftigung in seinem Bureau an.- Bald betrachtete ich dies als einen Wink des Schicksals, und zögerte nicht, die Gunst des Augenblicks wahrzunehmen. Bald hatte ich mich hineingearbeitet, und mein durch so viele Bedrängnisse geschärfter Verstand, wie ein unermüdeter Fleiß machten mich ihm mit der Zeit als Sekretär unentbehrlich, und in einem ansehnlichen Gehalte bezeugte er mir seine Anerkennung und Erkenntlichkeit. Ich versäumte nicht, mich in meinem neuen Fache heimisch zu machen, und studirre in den Nächten das Landesrecht, so weit dies nur ohne Vorbildung ging. Als ich dadurch im Stande war, selbstthätig nicht zu sehr verwickelte Prozesse zu führen, so übergab mir mein edler Gönner eine Menge von Geschäften, die ich unter seiner Unterschrift zu eigenem Gewinne unabhängig betrieb. Dadurch erlangte ich viele Bekanntschaft und vieles Vertrauen, und obschon ich meiner Religion wegen und aus Mangel am Studium nie darauf Anspruch machen konnte, eigenständig im juristischen Fache zu werden: so'war doch dasVerhältniß so leicht und durchaus nicht drückend, daß ich es mir gar nicht anders wünschte. Meine Sparsamkeit und der bedeutende Gewinn meiner advokaton- 23»