Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1841)
- Date
- 1841-05-29
- Page
- Seite 317 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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317 Eine rührend schmerzliche Sehnsucht nach dem theuerm Lande der Jugend spricht das „Wie die Kindlein müßt ihr werden" aus. Gerne ziehen wir mit in die dunkele Waldesnacht hinaus, wo wir das Kreiden und Khun der Bögel, die Sprünge des Eichhorns und das Kosen der Blumen belauschen und der Gottesfriede senkt sich auch allmählig auf uns herab. Der Schluß des Liedes lautet: „Unter diesen Spielgenossen Fühl' ich mich beglückt, befreit. Halte Welt mich oft umschlossen, Welt aus meiner Jugendzeit." Bei einem kleinen Epos „die Juliopfer" °) ist es die Begeisterung und Großartigkeit der Auffassung,, von der wir ergriffen werden. Die an Byron erinnernde Form und das tragische, wiewol versöhnende Ende geben ihm einen eigenthümlichen Reiz und künstlerisches Gepräge. Der Held des Gedichtes, der zugleich Dichter ist, so wie die beiden Geliebten, die eine glühend in Begeisterung für das Vaterland und für dasselbe kämpfend, die andere stillere Tugenden des Weibes übend, sind höhere Gestalten, die uns lebendig und handelnd entgegen treten. Treffend ist folgende von der Mutter und der Geliebten des todtgeglaubten Helden unter seine» Gedichten aufgefundenen Stelle: „Der Ort ist kaum bekannt, Wo ich zuerst erwacht, Und klein ist nur das Haus, Das mich zuerst bedacht." „Die Gegend gar zu flach. Der Fluß nur seicht und dünn, Und doch fallt mic's so schwer Daß ich nicht dorten bin." Es ist dies ein ganzes Bild von dem Uferlande des Niederrheins, der eigentlichen Heimath unseres Dichters * **)), die jenem untergelegt wird. — Es kann nicht meine Absicht sein, hier alle Gedichte Wihl's zu analysiren. Ich habe nur aus diesen wenigen zeigen wollen, daß fein Geist bei der *) Abgedruckt im Telegraphen für Deutschland. Jahrgang 1838. Num. 189—191. **) Wihl ist in Wevelinghofen, einem Dorfe in der Nahe Düsseldorfs, geboren. vielseitigsten Regsamkeit, doch am innigsten mit dem Judenthume verwachsen ist, und.daß er, möge er sich auf dem epischen oder lyrischen Gebiete bewegen, stets von innen heraus schafft, so daß seine Romanzen eine große Perspektive eröffnen und eine tiefe Symbolik enthalten, und seine Lieder als ächte Blüthen des Gemüthes voll frischen Dustes und Klanges sind- Wenn aber dem hier Gegebenen zur scharfen Charakteristik dennoch die völlige Einheit und Rundung fehlen sollte, so vergesse man nicht, daß ich das Bild Wihls nach Gedichten aus dm verschiedensten Perioden zu entwerfen hatte, und daß er, der uns noch täglich mit neuen Produktionen erfreut, keineswegs als eine abgeschlossene und fertige Erscheinung zu betrachten ist. Das Ganze, bitte ich den Leser, nur als die Farbenskizze zu einem noch nicht abgerundeten und von besserer Hand auszuführenden Bilde gelten zu lassen. Ich habe nur noch Weniges zu bemerken. Habe ich auch hier zunächst den Charakter des Dichters und nicht den des Menschen anschaulich machen wollen, so wird man mir doch die Mittheilung des Folgenden, das nur den Menschen und als solchen zunächst den Juden angeht, gern zu gute halten. Ich meinerseits trenne ohnehin den ächten Menschen nicht gern vom ächten Dichter. Ludwig Wihl -hat in Bonn und München sich ausschließlich dem Studium der orientalischen Sprachen und der Philosophie gewidmet. Er wollte sich für einen Lehrstuhl vorbereiten. In München, wo er mit v. Schelling, Görres, dem seligen Michael Beer und andern ausgezeichneten Männern in nahe Beziehung und Verbindung trat, erwarb er sich das Doktordiplom und legte der gelehrten Welt in einer Abhandlung über phönizische Alterthümer (Schelling, von Schenk und. Erzbischof von Spiegel dedizirt) Beweise seines gründlichen Studiums ab. Was aber war die Frucht dieses ernsten und männlichm Strebens, dieses gewissenhaften Eifers um die Wissenschaft? Bekleidet Wihl jetzt einen Lehrstuhl, wirkt er als Beamter, ist er an einer Akademie angestellt, oder steht er auch nur einer öffentlichen Bibliothek vor? — Und doch hätte Wihl das alles erreichen können, hatte leicht die Hoffnungen, an denen er sich in trüben Stunden aufgerichtet, die Wünsche,