Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1841)
- Date
- 1841-05-29
- Page
- Seite 316 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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316 „der Dalles" möchte ich aber diese Zeit als die eigentliche der Empfangniß halten; denn es sind diese so speziell jüdische, sich so im engsten Kreise jüdischer Sagen - und Gefühlsweise bewegend , daß sie fast nicht anders als inmitten dieses Kreises erzeugt werden konnten. Das eine „der Freund" behandelt die rabbinische Legende von den sich selber lohnenden guten Werken in einfacher, ungesuchter Sprache; das andere zeigt in einem humoristischen Bilde den gemeinen Volksglauben, daß, wo die Dürftigkeit sich einmal eingeschlichen habe, sie nicht mehr zu bannen sei. Die Wirkung, die es hervorbringt, ist, als ob man über sein eigenes Unglück zu lachen genöthigt würde. Aber während der Dichter hier in plastischen Gestalten uns entweder Szenen aus dem Leben dieses Volkes oder dieses selbst vor die Seele führt, strömt er in andern Gedichten mit lyrischer Begeisterung alle die beseligenden Gefühle aus, womit das Judenthum seine duldenden Bekenner belohnt. Zwischen den begeisterten Hymnen auf die Freiheit stürzt er sich nieder vor dem Einzigen Gotte, den seine Voreltern angebetet. Aus Nacht und Zweifel rettet er sich zu Ihm und findet neuen Aufschwung und alle vorige Liebe, mit der er „alle Wesen, wie ein Gott, an seine Brust drücken möchte." — Man scheint in neuerer Zeit in künstlerische Form, in glänzende Bilder und fremdartige Reime mehr, denn je die Größe der Lyrik gesetzt zu haben, und hat über diese Außenseite fast das tiefere, innere Leben und die Naturwahrheit außer Acht gelassen. Und in diesem nur dem liebevollen Forscher sich öffnenden Zauberreiche hat Wihl die größten Muster und Vorbilder in unserer Sprache erreicht. Es ist nicht Kunst, was diese Gebilde hervorgcbracht hat, wenn gleich die Form fast uyübertrefflich ist; es ist die im Freien, sonder Pflege und Wartung, aus der Tiefe des Bodens verschämt sich erhebende Feldrose, die, wetteifernd mit ihren in künstlichen Beeten ängstlich gezogenen Schwestern, sie in Schönheit der Gestaltung, in Farbenpracht und Süßigkeit des Geruches hinter sich zurückläßt. Wie ein schöner, blondgelockter Knabe, uns anschauend mit seinem seelenvollen Blicke, in unserem Herzen die süßesten Gefühle, die schönsten Mährchen der Jugend, die heitersten Bilder der Zukunft Hervorrust, mit solchen blauen, in die tiefste Seele blickenden Augen schauen uns bittend und rührend, erhebend und erheiternd diese Lieder alle an. In wessen Brust wird nicht folgendes, aus vielen ähnlichen herausgehobene ein Echo finden? *) „Im Herbste 1838." „Ich dachte schon mit Zagen Der Winter bricht herein. Als nach den Regentagen Erstrahlte Sonnenschein." „Es schmückten sich die Wälder Mit neuem, frischen Grün, Die abgemähten Felder Versuchten neu zu blühn." „Die Vögel, die schon träumten, Von Südens warmer Luft, Erstaunten alt' und säumten Im warmen Herbstesduft." „Auch mich den Schwermuthskcanken Belebt ein neuer Sinn. Vor lauter Lenzgedanken Weiß ich nicht, wo ich bin." „Ich höre Nachtigallen, Wohin ich immer schau, Und gold'ne Lieder fallen Mir aus des Himmels Blau." Das ist Dichterleben; der Dichter stürzt sich an die Brust der Natur und saugt mit allen Fasern seiner glühenden Seele ihren warmen, belebenden Odem ein, und was er in der Entzückung und Ueberwältigung des Augenblickes ausruft, wir rufen es freudig nach: ja, goldne Lieder fallen ihm aus des Himmels Blau. Nur schmerzt es uns, wenn •et in einem anderen Gedichte, sich dem Schwane vergleichend, erst bei seinem Tode die Herzen der Menschen zu erschließen hofft. Nein, entsage er solchen quälenden Gedanken: des Dichters Lebenselement ist der Beifall seiner Zeitgenossen, und, so lange noch ein fühlendes Herz auf Erden schlägt, wird es auch di« Sprache des Herzens verstehen. *) Diese, so wie die spater angedeuteten Gedichte sind theils dem Rheinffchen Odeon 3t«r Jahrgang. Düsseldorf 1840, theils dem Telegraphen für Deutschland, dm Wihl eine Zeitlang statt Gutzkow's rebigirte, entnommen.