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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-05-29 · Heft 22 (29.5.1841) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 22 (29.5.1841)
Date
1841-05-29
Page
Seite 315 (sequence 11)
Language
German
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315 ters nichts weiter erforderlich, als eine breite Gelehrsamkeit, ein schwerfälliger Apparat von Kenntnissen, eine sich vieldünkende Bücherweisheit, sophistische Dialektik und scharfsinnige Erforschung des Aeußerlichen, wir hätten uns nicht so oft über die Kritik des Tages zu beklagen; aber es gehört mehr dazu: ein Herz vor allem, fast so groß wie bas eigene des Dichters. Es befremdet daher kaum, wenn auch Ludwig Wihl manchem verkehrten Urtheil ausgesetzt gewesen ist; wenn sogar das Conversationslexikon der Gegenwart") ihm das zum Vorwurfe macht, was in unseren Augen zu seinen schönsten Vorzügen gehört; wenn es ihm, bei aller sonstigen Hochschätzung, sein Streben für jüdische Tendenzen zum Fehler anrechnet und so vielen seiner besten Dichtungen die Heimatherde, der sie entsprossen, rauben möchte. Erklärlich aber ist eine so äußerliche Beurtheilung recht wol; denn eine Erscheinung, welche, dem Judenthum entstammend, alle Interessen der Menschheit in sich ausgenommen und dennoch nicht aufgehört hat, das Judenthum als seine Mutter zu betrachten, und mit ihr zu fühlen und zu dulden, wird noch lange Zeit von vielen als eine fremdartige, als eine exotische betrachtet werden. Dies ist ein Charakterzug, den ich für Wihl als Dichter vorzüglich in Anspruch nehme. Gleich dem Sohne der Schweiz schweift sein Genius in allen Ländern, bei allen Völkern umher; aber überall hört er das Alphorn der Heimath erklingen. Aber man halte diese Mannigfaltigkeit der Stoffe, diese oft so weit auseinander liegenden Ideen ja nicht für ein sogenanntes Umhertummeln und Haschen auf dem Gebiete der Poesie, wie es nicht selten bei jungen Dichtern angetroffen wird. Bei Wihl ist es eine aus der tiefsten Innerlichkeit und aus dem äußeren Leben hervorgegangene Nothwendigkeit. Die Bildung der ersten Jugend, die geistige Ausnahme der'alten Denk- und Sinnesweise der Talmudisten, die elegischen Klänge so mancher schauerlichen und schmerzlichen jüdischen Sage und Mahre gestalten sich bei ihm zu manchem schönen Gedichte. Sein „trauernder Rabbi""") ist in dieser Hinsicht ") Conversationslexikon der Gegenwart, Leipzig bei Brockhaus, unter der Rubrik: „deutsche Literatur—Lyrik." "") Ich habe hier vorzüglich die 1836 Mainz bei! ZaberN erschienene Sammlung vor Augen. I eines der meisterhaftesten, welche das Leben des Judcnthums aufzuweisen hat. Die Wahrheit des Gefühls bei so einfachen, an Göthe mahnenden Worten muß jeden ergreifen, selbst den modernen Juden, der gewohnt ist, seine Leiden durch die Mißgriffe der Rabbinen als mitverschuldet anzusehen. Der Groll, den solche gegen diese hegen, muß vor der Erkenntniß der Genossenschaft ihrer Leiden schwinden, und nur eine stille Wehmulh kann Zurückbleiben durch den Gedanken, daß die meisten Qualen der Menschen von ihnen selber einander unwissentlich bereitet werden. Solche Gefühle waren es wenigstens, die durch das Lesen dieses trefflichen Gedichtes in mir hervorgerufen wurden. „Der beschwörende Rabbi" ist eine fast gespenstige und grauenhafte Sage aus dem jüdischen Mittelalter. Der Rabbi, welcher vermittelst seiner Gewalt über den Wasser- und Feuergeist, den ersteren zur Rettung der brennenden Stadt beschwören will, ruft in Jrrthum den Feuergeist selber, und im Nu liegt die Stadt, zu einem Aschenhausen verbrannt. Fast in gleicher Kürze hat der Dichter diese Sage mit keacm Pinselstriche zu zeichnen gewußt und doch tritt uns das Ganze als ein vollendetes, eingerahmtes Bild entgegen. „Ahasvers Klage" hat eine große geschichtliche Basis: das ganze Zudenthum selber. Die alte Sage von dem Wanderer, der nicht rasten, der nicht sterben kann, ist hier in ihrer großartigen Symbolik aufgesaßt, und Ahasver ist kein Individuum mehr, sondern ein ganzes Volk. Es wird die dunkele Frage aufgeworfen: wozu so viele Qualen, so viele Leiden, so viele Thränen? und sie wird mit der einzig richtigen Antwort gelöst, daß ein Volk, welches von jeher zum Träger einer großen Idee ausersehen worden, durch sie sich erst geistig verklären mußte. Durch sie sollte es gleichsam die Feuerprobe bestehen, daß es in unwandelbarer Treue festhalten würde an dem Glauben seiner Väter, daß es, um das höchste geistige Gut zu wahren und zu schirmen, auf alle irdischen verzichten würde. Dagegen werden seine Dränger mit scharfer Ironie, die sich in lebendigern Bildern ausspricht, angegriffen. Die 'Sprache in diesem Gedichte ist nicht ohne Absicht fast im älteren Volkstone gehalten. Zu den gedachten Gedichten gab gewiß die frühe Jugendzeit und nächste Umgebung die erste Anregung; für die Gedichte „der Freund" und

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