Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1841)
- Date
- 1841-05-22
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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MS so eben in Erfahrung gebracht, daß der Mann von einer Reise mit vielem Gelde zurückgekehrt sei, und mit seinen Leuten sehr ermüdet scheine. Ich stand wie vom Donner gerührt. Vernichtend durchdrang mich die Frage: Also so tief bist du gefallen, daß ein Dieb Dich für seinesgleichen hält? Und da Du Dir einbildetest, daß mitten unter den Merkzeichen der Armuth der Stempel des Geistesadels Dir aufgedrückt bleibe, überzeugt Dich die Wirklichkeit so bitter vom Gegentheil?-Ich konnte lange nicht zur Sprache kommen, und der Dieb, der dies für ein Zeichen der Einwilligung nahm, machte mich schnell, ehe ich es wehren konnte, mit vielen Einzelheiten bekannt. Ich fühlte mich tief beschämt, und mit aller Wärme der Unschuld suchte ich den Dieb von seinem Zrrthum in mir zu überführen, schreckte ihn von seinem Vorhaben zurück, und drohte ihm mit der Anzeige. Anfangs glaubte er, ich wollte die mitgetheilten Details mir allein zu Nutze machen, und suchte mich hiervon durch die Versicherung zurückzuschrecken, daß allein es doch nicht auszusührcn sei. Als er endlich meinen Ernst erkannte, entwich er auf's schnellste, ich aber hielt es für rathsam, jenen Mann, den der Diebstahl treffen sollte, zu warnen. Ich ging, obschon es bereits dunkelte, zu ihm, ließ ihn aus dem Schlafe wecken, und theilte ihm Alles umständlich mit. Er ersah bald,-wie nahe die Gefahr, und wie leicht das Beabsichtigte auszuführen gewesen. Er schaute mir lange verwundert in's Angesicht, und sein Blick glitt voller Theilnahme von meinem Munde den löcherigen Bettlerrock hinunter. Er frug mich nach mir selbst, ich theilte ihm das Nöthige mit. Er forderte mich auf, in seinem Hause zu bleiben, wo ich Beschäftigung aller Art finden würde. Leicht willigte ich ein, aber als ich am andern Morgen wieder zu ihm kam, berichtete er mir mit Bedauern, daß die Polizei mir, als fremdem Juden, den Aufenthalt, selbst nicht als Knecht gestatten wollte. Er gab mir eine bedeutende Unterstützung, anständige Kleidung, und entließ mich unter mancherlei Ermahnungen. Es war ein schöner Frühlingsmorgen, als ich meine Wanderung wieder antrat. Aber wie anders erschien ich mir heute, als gestern! Der Hochmulh, der mich gestern auf meine vermeintlichen geistigen Vorzüge noch erfüllte, hatte einem unsäglichen Gefühle der Demüthigung Platz gemacht. Ich wurde mir bewußt, wie ich zu Nichts geworden, und^alle Die, welche mir je Theilnahme und Achtung geschenkt, umstanden mich im Geiste, und frugen mich: „wohinaus, träger Knecht?" Und doch, wo lag ein Ausweg vor mir? welche Bahn sollte ich einschlagen? Ueberall war ich als Jude zurückgewiesen worden, überall hatte ich Hohn und Verachtung erfahren. Und jetzt gesellte sich das Gefühl hinzu, daß ich diese Verachtung verdient.-Kennen Sie, Freund, einen solchen Seelenzustand aufrichtiger Selbstverachtung? Er gränzt an das unsäglichste Elend. Alles, was man gewesen, gethan und ist, verschwindet zu Schemen vor dem schelen Blick des Bewußtseins, man wird so durchsichtig vor diesem Blicke, daß man nichts Anderes als ein Schatten bleibt, während Alles um Einen - als fester, solider Körper erscheint. Krampfhaft zog sich mein Inneres zusammen, mein Kopf brannte mir vor dem Zerknüttern und Zermalmen der Gedanken. Da schaute ich plötzlich auf, und vor mir lag eine große, weite, geräuschvolle Stadt im Lärmen des Tages. Wie von einem Zauberschlage fühlte ich mich berührt — wie, sprach ich zu mir, wo so viele Tausende Heerd und Wesen haben, solltest Du mit so gutem Willen keine, auch nicht die geringste Stelle lebendigen Schaffens finden? Ich raffte mich auf, und that mir das Gelübde, diese Stadt nicht zu verlassen, ohn'e über meine Zukunft gewiß zu sein. Und es kam so. Ich kehrte in einem der besten Hotels der Stadt ein, was ich mit meiner jetzigen Kleidung wagenkonnte. Nachdem ich Etwas genossen, frug ich den wohlgelaunten Wirth nach etwas Neuem. Da führte er mich lächelnd in ein Nebenzimmer, und zeigte mir ein gedrucktes Blatt. Es war — der Aufruf Friedrich Wilhelm's an sein Volk! Begeisternd ergriff mich dieses Wort. Dies ist der Wink der Vorsehung! rief es in mir laut. Hier ist es, wo Christ und Jude sich begegnen, hier, wo jegliches Opfer angenommen, ein heiliges Ziel erstrebt wird, da bist auch Du willkommen! Und wie immer, wenn mich ein großer Gedanke erfaßte, rannte ich eilends aus der Stadt, und befand mich in einer Stunde wieder auf der Heerstraße,' um zum ersten preußischen Werbeplatz zu eilen. Ich trat als Freiwilliger in