Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1841)
- Date
- 1841-05-22
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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297 reichte sie mir die einzige Kleinodie ihrer Mutter, einen einfachen Goldreif — ich hatte ihr keinen dafür zu bieten. Dann sanken wir uns in die Arme, ich drückte den ersten und letzten Kuß auf ihre Lippen, sie riß sich los, und eilte zur Stadt zurück. Da war ich in die Knie gesunken auf dem Grabe ihrer Mutter, ich blickte ihr nach, so lang ich sie erschauen konnte, dann fiel mein Haupt auf meine Brust. So ging der Tag über mich hinweg. Der Himmel bedeckte sich mit Wolken, ich gewahrte es nicht. Er entlud sich in Regengüssen auf mein unbedecktes Haupt, rch gewahrte es nicht. Die Nacht stieg herauf, ich gewahrte sie nicht. Als es dunkel geworden, stand ein Schatten neben mir, und sprach eifrig in mich hinein. Es war der Schatten meines Vaters, und er lispelte mir Worte des Trostes zu. Ich hielt die fallenden Regentropfen für Zähren, die er über das Schicksal seines einzigen Sohnes weine, des früh verlassenen. Da entlud sich auch meine Brust, ich warf mich nieder auf das Grab, und betete, betete. Meine Seele rang sich los, und ward ihres Schmerzes Meisterin. Endlich erhob ich mich, eilte nach der Stadt, . packte die geringen Ueberreste meiner Habe zusammen, und, ohne mich aufzuhallen, verließ ich noch in der Nacht die Stadt, und wanderte unter den dunkelen Schatten rastlos fort, bis der Tag aufstieg, und den einsamen Pilger beruhigte. Lassen Sie mich, Freund, hier sogleich hinzufügen, -was aus Theodoren geworden. Anfangs hatte ich einige Briefe — noch bewahre ich sie, und Sie sollen sie lesen — von ihr erhalten, aber bald, es war kaum ein halbes Jahr vergangen, blieben diese aus. Auf mehrmaliges Schreiben theilte mir die früher erwähnte Tante — ihr Ende mit. Sie hatte sich in ihren neuen Verhältnissen nicht heimisch machen können, da sie sehr drückend waren. Sie hatte bei der Tante auf Veränderung gedrungen, da eine beständige Beklemmung ihre Gesundheit untergrabe. Und diese Veränderung kam so schnell. Eines Nachmittags fuhr sie mit dem Fräulein, dessen Erziehung ihr anver.'raut war, aus. Da wurden durch einen Leichenzug, der beim Umbicgen um eine Ecke ihnen entgegenkam, die Pferde scheu, warfen den offnen Wagen gegen einen Prellstein, und Theodore wurde von der Gewalt des Ansturzes herausgeschleudert; sie siel gegen eine Pfoste — in einer halben Stunde hatte sie vollendet. Nach Empfang dieser Nachricht trieb es mich unwiderstehlich nach ihrer Ruhestätte hin. Da verbrachte ich einige schmerzliche Tage an ihrer Gruft, bis ich mich mit aller Manneskraft losriß. O, bin ich Deiner würdig geblieben, theurer Schatten, Dein ist das Verdienst, der Du mich treu durch alle Wege begleitetest!- Dies, Freund, war das einsiuß- und schmerzensreichste Ereigniß meines Lebens. Was konnte mir hinfort Betrübenderes begegnen? Treu bin ich dem geheiligten Andenken geblieben, und einsam setzte ich meine Pilgerung fort, einsam werde ich sie vollenden, bis der Ruf des Herrn mich zu den theuren Versammelten bescheiden wird. — Doch ich will den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen. Ich hatte einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das Schächteramt und seine Anhängsel und Requisiten bekommen. Mein geistiger Standpunkt war im letzten Jahre ein viel höherer geworden, die Nahrung, die »yein Geist, selbst aus seinen Unglücksfällen, gezogen, wollte sich mit der Speisung dieses Standes nicht mehr vereinigen. Und was hatte ich denn Anderes gelernt? , So zog ich lange im Lande umher, ohne Ziel und Plan. Je höher das Weben meiner Gedanken sich erhob, aus je reinerm Aether der innere Athemzug meiner Seele schöpfte: desto weniger gab ich auf mein Aeußeres Acht, desto geringfügiger erschien mir dieses, und es gerieth deshalb in gänzlichen Verfall, ehe ich es vor dem Brüten meiner Phantasie bemerkte. Nicht das Achselzucken und scheue Zurücktreten anständiger Personen, nicht die häufig mit Mühe angeregte Mildthätigkeit, nicht der öftere Mangel am Nöthigsten weckte mich aus dem träumerischen Schlummer meiner Seele — endlich übernahm dieses Geschäft die Zudringlichkeit und Schlechtigkeit eines jüdischen Kameraden. Auf dem Wege nach einer Stadt im Baier'schen hatte sich ein solcher zu mir gesellt, und, obgleich ich ihm wenig auf seine Anreden erwiederte, schnell Vertrauen zu mir gefaßt. Als wir nun in einer Schenke eingekehrt, kehrte er bald von einer Betteltour durch das Städtchen zurück, nahm mich auf die Seite, und entdeckte mir, daß er durch öfteres Verweilen am Orte sehr bekannt sei, und die Oertlichkeiten im Hause eines reichen Mannes so genau kenne, daß wir in nächster Nacht unter seiner Lei- - tung einen tüchtigen Fang thun könnten. Er habe 21"