Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1841)
- Date
- 1841-05-22
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mutter, in der schwülen Stille des Zimmers, durch welches so eben der Tod mit geflügelter Sohle gezogen — endlich löste sich mein Schmerz, Thrämn entrangen sich meinen Augen, und in der geheime» Sympathie der Seele, begann auch Theodore p weinen, sie fiel in meine Arme, und mit dem Assruse: „Nun haben wir Beide nur noch Einen Bater!" legte ich sie an meine Brust, an der ihre Zähren herabrannen. Ich gewann das Wort des Trostes wieder; die Stunden gingen auch da zu Ende; die Lobte wurde begraben. Ich mußte nun, der Schicklichkeit rpegen, sofort ausziehen, aber mit der Gemeinde einte ich mich nicht wieder. Theodore hatte nur einen Ausweg, sie schrieb an eine Verwandte in einer benachbarten Stadt, ihr eine paffende Dienststelle zu verschaffen. Aber die Antwort blieb lange aus, und bevor ihr Schicksal sich nicht entschieden, wollte ich den Ort nicht verlassen. Ich bekümmerte mich um Niemanden, einen Erwerb zu suchen, ekelte mich an, wenn ich auch einen hätte finden können; einige Sparthaler erhielten mich und Theodoren ein« Zeit, lang; dann veräußerte ich meine entbehrlichen Effekten, meine Bücher, auch sie griff nach manchem kleinen Schatze, und selbst die kleine Sammlung von Klassikern konnte nicht bei uns bleiben. O, wie viele Thränen benetzten vorher diese theuren Reliquien einer verehrten Frau! Regelmäßig begegneten wir uns am Grabe der Mutter auf dem einsamen Kirchhof, und die von uns gepflanzten Blumen und Sträucher schossen unter unsrer Pflege schnell auf. Trotz unsres Kummers verbrachten wir hier süße Stunden der Herzensergießung, wir sprachen offen unsre Gefühle aus, aber all' die unzähligen Schranken, die uns entgegenstanden, verhehlten wir uns nicht. Ja, ich gestehe es, mehrere Male stand der Gedanke des Religionswechsels vor meiner Seele. Ich wußte, daß ich als Preis dessen leicht eine mäßig gute Anstellung erhalten würde, in der ich Theodore zu der meinen machen könnte. Aber die Erinnerung an meinen sterbenden Vater, das Gefühl der Erniedrigung, um ein Glück auf Erden meine Ueberzeugung mit Füßen zu treten, das Bewußtsein, an Gott und Menschen eine ewige Täuschung zu üben, und meinen Ursprung, meine Stammesgenossen, mein bisheriges Dasein und Bestehen abzuleugnen: diese sträubten sich mit unüberwindlicher Kraft gegen jenen Gedanken. Und als ich Theodoren diesen Kampf meines Innern eröffnete: mit welcher Entschiedenheit wies sie mein Ansinnen zurück, mit welcher Entsagung sprach sie sich von diesem los. Nein! so gläubig sie gerade in ihrer Kirche war, so zeigte sie mir klar und voller Weihe den Zwiespalt, der unausbleiblich Folge, dieses Schrittes sein, und wie zu jedem Ereigniß in der Zukunft das drückende Gefühl der Unwürdigkeit, der Charakterlosigkeit sich gesellen, und all' unser Glück mit einem Fluche ersticken würde. Wir hatten uns schnell verstanden, und traten aus dieser Besprechung geheiligt, erhoben und wie im Lichtglanz der Verklärung heraus. Unsere Zusammenkünfte, unsere Gespräche gewannen auf diesezn Boden eine liefere Bedeutung, eine höhere Weihe. Die erhabensten Interessen des Menschen wurden von uns mit höherer Begeisterung und aus den Tiefen unsrer Geister besprochen, und mit immer größerm Gewinn öffneten wir uns die heimlichsten Schachte unsrer Herzen. So erhoben wir uns über die Sorgen und Fragen des Tages, und immer in der Gewißheit bald von einander scheiden zu müssen, bereiteten wir uns dazu vor, ohne diesen schmerzlichen Punkt zu berühren. Wir wandelten, bisweilen Hand in Hand, durch die Schlafstätten der Tobten und durch die nahen Gebüsche. Aber das Unvermeidliche kam. Eines Tages erwartete mich Theodore am Grabe ihrer Mutter; sie hatte einen Brief in der Hand. Als ich diesen von ferne bemerkte, zog die Ahnung seiner Bedeutung beklemmend in meine' Brust ein. Sie reichte ihn mir stumm, mit einer Thräne im Auge; die Tante schrieb ihr, sich sofort beim Empfange auf die Reise zu begeben, und zeigte ihr den sehr entfernten Ort ihrer Bestimmung an. Die Abschiedsstunde hatte geschlagen, sie war sogar sehr kurz, denn noch den Nachmittag ging die wöchentliche Post vom Städtchen ab. Soll ich Ihnen diese kurze Stunde beschreiben? Eine Welt lag in derselben für mich, ihr wehmüthiger Nachhall ging durch mein ganzes Leben, und sibrirt noch heute, nach so vielen Jahren, nßch so vielen Schicksalen, in den Winkeln meines Herzens nach — — „Wir scheiden, sprach sie, wir werden und wollen uns hienieden nimmer Wiedersehen, aber das Band, das uns verknüpft, soll nie loser werden — vor Allem bleiben wir unser würdig!" Mit diesen Worten