Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-05-22 · Heft 21 (22.5.1841) · p. Seite 294

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 21 (22.5.1841)
Date
1841-05-22
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225173-3225195--03545-3313087
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ly» sich selbst verwiesen, und so vor Hingebung an böse, Gesellschaft wahrten. Ich fand allerlei Stellen, die 1 ich bald wieder aufgeben mußte. Keiner weiß sich die namenlosen Plackereien zu denken, denen ein Schächter in einer kleinen, meist rohen Gemeinde unterworfen ist. Und ich, mit meiner Erziehung, mit meinem heimlichen Anspruch auf das Rabbineramt. Unsägliches litt ich, aber dies hatte wieder das Gute, daß es mich der bloß jüdischen Welt entzog, daß ich mit christlichen Nachbaren mich bekanut machte, und Etwas zu lernen trachtete. Mit unermüdlichem Eifer warf ich mich auf deutsche Bücher; welchen Inhalts sie auch waren, und kramte mein Gehirn mit vielem Wiffenswerthen, aber auch mit Romanen, Empsindeleien-und phantastischem Bilderwerk voll. Ich hatte nach mancherlei Wechsel N. erreicht, ein Städtchen in Thüringen, wo eine wohlhäbigere Gemeinde wohnte. Ich erhielt die vakante Kantor- und Schächterstelle, übernahm aber auch zum erstenmale, die Kinder'im Hebräischen, und nebenbei im Deutschen zu unterrichten. 'Ich war 2V Zähre, für mein pädagogisches Amt entbrannt, und mein Erfolg sehr gut. Die Eltern erkannten es an, und man behandelte mich auf eine feinere Weise. Ich fühlte mich freier, gehobener, mein Blick ward mild und weniger scheu, ich schaute mich um, und das Leben schlug mit höheren Wellen an meine ahnungsvolle Brust. Ich hatte ein kleines Stübchen inne in einem kleinen Häuschen neben dem Gebäude, in welchem die Synagoge und ein großes Unterrichtszimmer sich befanden. Die Gemeinde hatte mich da eingemiethet bei einer armen Witte, christlichen Glaubens, meinen Tisch hatte ich wochenweise bei den Mitgliedern der Gemeinde. Die Wittwe war aus einem höhern Stande. Sie - hatte eine feine Bildung in ihrer Jugend erhalten, und war einem Offizier verheirathet worden, der seinen Abschied als Hauptmann und einen einträglichen Posten erhalten. Aber er gewöhnte sich den Trunk an, vergeudete seine Habe, vernachlässigte sein Amt, veruntreute Gelder, und versank immer tiefer. Lange Zeit ernährte die Frau ihn und ihre Tochter, die einzige Frucht ihrer Ehe, mit ihrer Hände Arbeit. Endlich befreite sie ein schrecklicher Tod von ihm, er verbrannte an dem entzündeten Geiste der genossenen Spirituosa. Der Fürst hatte ihr eine unbedeutende Pension ausgeworfen, und von dieser und ihrem kleinen Erwerbe lebten Mutter und Tochter spärlich, aber friedlich, und höchst eingezogen, ja einsam. Der Umgang mit diesen beiden weiblichen Wesen, den ernsten, denen ich etwas näher kam, wurde bald sehr anziehend für mich, je mehr ich zugleich fühlte, wie lehrreich und bildend er für mich sei. Der feine Ton, der, die Wittwe auszeichnete, und den sie, ohne Ziererei, selbst auf ihre ärmlichen Umgebungen übertrug, ihr bedeutendes Wissen, womit sie mir in meinem Drange nach geistiger Ausbildung aushalf, und Winke gab, einen rechten Weg einzuschlagen, machte große Wirkung auf mich. Die gemeinsame Noth führte uns noch näher zusammen. Eine Augenkrankheit hatte die Wittwe befallen, und sie in ihrem Erwerbe gestört. Ich half öfters mit meinen Nothpfennigen aus. Der Winter kam, und die langen Abende wurden gemeinschaftlich verbracht. Die Wittwe hatte als einzigen Ueberrest aus früherem Wohlstände eine kleine Sammlung guter Bücher gerettet, aus diesen las ich vor, während die Tochter arbeitete, und die Mutter eine Tasse Thee bereitete. Dann entspann sich eine lebhafte Diskussion über das Gelesene, und die Wittwe reihte ihre feinen Beobachtungen, aus einer reichen Erfahrung und einem bewegten Leben geschöpft, daran. O, wie steht die Erinnerung jener trauten Abende noch vor meiner Seele, wo ein heiliges Stillleben durch meine Brust zog, während draußen Sturm und Schneegestöber tobten. Welch' eigene Welt harten wir uns geschaffen, in die die'Wirklichkeit kaum hineinreichte. In religiöser Beziehung hatten wir, uns verständigt, wir hielten uns stets auf dem Gebiete des Allgemeinen, in das Besondere der bestehenden Kulte gingen wir nie ein. Ich habe Ihnen noch nichts von der Tochter gesagt. Ihr Schatten steht heilig vor meiner Seele, ich habe ihn aufgestellt im innersten Schrein meiner Seele, und selten ließ ich ihn heraustreten, wenn nicht vor den Blicken eines so hochherzigen Freundes,. wie Sie sind. Ich bin Greis geworden, und mein Scheitel ward seiner Zierde beraubt unter den Bürden des Lebens; aber alles Feuer, welches die Asche verloren gegangener Bestrebungen, erstickend bedeckte, hat sich lebendig erhalten in diesem Mittel- > punkte meines GemüthslebenS. Sie wissen, ich bin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.