Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1841)
- Date
- 1841-05-15
- Page
- Seite 286 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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28V lebniffen! Glauben Sie, nicht der Hypochonder spricht so, Sie werden es mir bald zugestehen. Und gehört dieses Leiden, das ich mit mir herum trage, nicht auch mit zu den Ergebnissen meines Lebens? Mag es nun zum Theile in der gestörten Stimmung des Sonncngeflechts, mag es zum Theil in psychischer Komplikation seinen Boden haben, immer bleibt es doch auch Wirkung von voraufgegangenen Ursachen, und wird es so zum schattenreichen Hintergründe, auf welchem sich die dunkelen Gestalten des Lebensgemälves ohne scharfen Umriß Herstellen. Doch wozu schon wieder Reflexionen darüber! Also, ich finde mich heute gestimmt, Ihnen als Entgelt eine Skizze meines Lebenswandels zu geben. Mangelhaft bleiben solche Erzählungen immer. Denn das Beste und Tiefste verleben wir in uns ohne Bewußtsein, folglich ohne Erinnerung. Und nicht Jedem wird das Leben von einigen bedeutsamen Momenten so keck hingezeichnet, wie Ihnen. Doch ich habe überhaupt viel mehr auf Ihre Nachsicht zu rechnen, denn wahrscheinlich werden Sie mehr verstimmt als erbaut davon. Nun, lassen Sie einmal Ihre Aengstlichkeit, fiel mir Bernhard ein, und sangen Sie frischweg an. Ich gebe Ihnen mein Wort, ich ziehe mir nur das Beste heraus. Wir schleuderten langsam queer durch das Thal zu einem Dörfchen hin, dessen Schenke auf einem Hügel lag. Hier, unter mächtigen Linden, von der untergehenden Sonne beschienen, wollten wir unser Abendbrvd einnehmen. Ich begann. Ich bin in der Provinz Posen geboren, der erste und einzige Sohn meiner Eltern, denn meine Geburt hatte meiner Mutter das Leben gekostet. So ist sie für mich immer nur ein in die Nebel des Jenseits gekleideter Engel geblieben, der in meiner Idee recht lebhaft existirte und vielen Verkehr mit mir hatte bis in mein Mannesalter. Mein Barer war ein reicher Gutsbesitzer, der sich aus einem habelosen Bachur durch Fleiß und redliche Anstrengung, durch kluge Benutzung der Umstände und unbeschränktes Zutrauen so hoch gehoben hatte. Das Gut war ihm vom frühem Besitzer überlassen worden, als dieser vor dem Arm der politischen Gewalt flüchtig werden mußte. So wohl aber mein Vater sich emporzuheben verstanden hatte, so wenig wußte er sich zu behaupten. Cr war ungemessen fromm, und als er daher Gutsherr geworden, konnte die Wirthschaft nur Rückschritte machen. Von Freitag Mittag bis Montag früh, es mochte Saat- oder Erntezeit") sein, rührten Vieh und Leute; die Zehenten, die Ecken ff. nahmen kein Ende und brachten den Ertrag herunter; die Benutzung des Bodens bewegte sich in tausend Schranken; dazu kamen andere Verlüste, wie einmal ein Kornmagazin, dessen Schlüssel vor dem Peßachfeste nicht verkauft worden ff. Kurz, so schön sich die Kapitalien meines Vaters früher verdoppelt und verdreifacht hatten, so schnell verkürzten sie sich, als er selbst Landwirth geworden. Wie es aber zu geschehen pflegt, daß aus einem einmal verwirrten Vcrhältniß selbstthätig nicht herauszukommen ist, so ging es auch meinem Vater. Er hatte zu viel Umsicht, als daß er das Uebel nicht erkennen sollte, aber er blieb umwunden von den Umständen, die ihn einmal umstrickt hatten, um so mehr da er nur durch Betrug sich hätte frei machen können. Er ging mit vollem Bewußtsein dem Abgrunde zu, und sah nur mit der Abnahme seines Vermögens auch seine körperlichen Kräfte abnehmen. Sorgenvoll weilte sein Blick allein auf mir. Was ich Ihnen da in wenige Worte zusammengedrängt, war das Ergebniß vieler Jahre. Ich war schon ein straffer Junge, als das Unglück zum Ausbruch kam. Meine Erziehung bestand, wie es sich leicht denken läßt, nur in der ganz orthodoxen Weise. Denn was war von jener Zeit in der Gegend von Gnesen wol zu erwarten? Ich lernte Talmud und die Kommentare bei einem eigenen Rebbi, und hatte eS im fünfzehnten Jahre gewiß schon weit gebracht. Meine natürlichen.Anlagen waren nicht gering, und ich sollte Rabbine werden. Doch, ich gestehe es, das Eine ließ mein Vater zu, ich-niußte heimlich einige Stunden die Woche zum Geistlichen des Dorfes gehen, um dort lesen und schreiben und einiges Elementarische zu erlernen. Das Bestreben meines Vaters ging nun dahin, so lang sich halten zu können, bis ich seiner Unterstützung nicht mehr bedürfe. *) 2 Mos.