Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1841)
- Date
- 1841-05-15
- Page
- Seite 282 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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282 sprechender ist, als vermittelnd zwischen Gemeinde und Vorsänger auffassen, so wird diese Auffassung durch die räumliche Stellung desselben um den Vorsänger klarer und deutlicher ausgedrückt, als in der Stellung in einem Emporium, wie in sehr vielen Gemeinden Deutschlands, wo er sich gleichsam außerhalb des räumlichen Zusammenhanges der Gemeinde befindet und darum als abgetrenntes Glied erscheint. Auch schwindet bei der eben beschriebenen Stellung des Chors jeder Geruch nach Nachahmung. — Mit der Vortrefflichkeit des Chorgesanges steht aber der Gesang und Vortrag der drei regelmäßig abwechselnden Vorsänger in schlechter Harmonie, welcher jeder höheren Qualität entbehrt. Der Chor trägt aber die üblichen Gesangstücke vor, so daß die Funktion der L'"n lediglich auf das Vorbeten beschränkt ist. Ruhe und Ordnung herrscht zwar während des Gottesdienstes, aber nicht immer in dem wünschenswerthen Maaßc. Die im Ganzen lobenswerthen Einrichtungen im Tempel machen um so Lebhafter den Wunsch nach erbauender Belehrung, nach einer Predigt, fühlbar. Zwar hat die hiesige Gemeinde einen Geistlichen, welcher aus Mangel an gehörigen Studien nicht im Stande ist, dem Bedürfniß abzuhelfen. Ich hörte denselben während meines acht monatlichen Hierseins nur zweimal Vorträge halten, und so lobcnswerth mir die in demselben ausgesprochenen religiösen Gesinnungen erschienen, so muß ich doch diesen- Vorträgen jeden Anspruch auf geregelte und künstlerische Darstellung absprechen. Wirklich hat auch der Vorstand der hiesigen Gemeinde am jüngst verflossenen Versöhnungstage einen in dem paduanischen Rabbinatsinstitute gebildeten Rahbinatskandidaten berufen, welcher eine wohlgeordnete Predigt mit vielem und verdientem Beifall vortrug. Auch findet sich hier eine spanische Synagoge von nicht großem Untfange, in welcher der Gottesdienst nach spanischem Ritus abgehalten wird, und wo das neudeutsche Element noch keinen Eingang gefunden hat. Die eingeführte Reform in dem Tempel ist aber eine rein äußerliche; denn von den Gebetstücken und allem Herkömmlichen ist, die Versteigerung der Mizwot ausgenommen, kein Jota abgeschafft und abgeändert. — Ich gehe nun zu dem Jugendunterrichte über. Dieser liegt im wahren und ausgedehntesten Sinne des Wortes im Argen. Keine öffentliche Schule, keine geprüfte Lehrer, keine controlirende Beaufsichtigung. Jeder kann seine Kinder unterrichten lassen, wann, wo und wie er will. In dieser Beziehung herrscht hier noch die alte Sitte, 8—12 Kinder zu einem Lehrer zu schicken, den man ohne Rücksicht auf nachgewiesene Befähigung wählen, und nach Belieben abschaffen kann. Die Reichern lassen sich in der Regel die Lehrer in das Haus kommen, die Armen müssen sich bequemen, ihre Kinder in die Behausung des Lehrers zu schicken. Von einem sy. stematischrn, lebendigen, höhere Erkenntniß erzielenden Religionsunterricht kann unter solchen Umständen begreiflicherweise keine Rede sein, und es steht zu befürchten, daß bei einem solchen fortdaurenden Mißstande die hiesige Jugend in Beziehung auf Religion ihrem Verderben entgegengeht. Das Einzige was in Ansehung des Jugenhzmterrichts hier geschehen ist, besteht in der Errichtung einer Mädchenschule, an welcher der Kandidat Greko lebhaften Antheil nimmt und mehrere Unterrichtsgegenstände gratis ertheilt; aber für die religiöse Erziehung der männlichen Jugend ist sehr schlecht gesorgt, und man bemerkt keine Spur ernstlichen Willens, diesem Mißstande abzuhelfen. Was nun die übrigen Verhältnisse der hiesigen Gemeinde betrifft, verdient bemerkt zu werden, daß es hier vier praktische israelitische Aerzte und drei israelitische Advokaten gibt, zu deren Lobe man beifügen muß, daß sie sich nicht, wie es vielfältig in Deutschland Sitte ist, aller Theilnahme an israelitischen Verhältnissen entschlagen, sondern vielmehr in jeder Beziehung den innigsten und wärmsten Antheil an denselben nehmen. So hat erst vor einigen Wochen Herr Advokat Consolo, einer der reichsten und angesehensten Israeliten dahier, seinen religiösen Sinn durch Schenkung einer smn *ibö in den Tempel auf eine lobenswerthe Weise bethätigt. — Der Groß - und Kleinhandel ist die Hauptbeschäftigung der hiesigen Israeliten, unter welchen sich auch reiche Gutsbesitzer befinden. Man zählt 14 deutsche Familien hier, unter diesen einen Handwerker und einen Großhändler Pixifico.Go ldschmied, welcher als Mitglied des Gemeindeausschusses thätig für die Gemeindeverwaltung mitwirkt. Im Lombardisch-Venezianischen Königreiche sind die französischen Gesetze in Kraft/somit fühlt sich der Jsraelite hierorts vom Gesetze nicht beleidigt und beengt, und dennoch kann