Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1841)
- Date
- 1841-05-15
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
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W5 20 Jahren schon den Gottesdienst in deutscher Sprache mit Orgelbegleitung gebilligt, und wie sehr find wir seitdem nicht vorgeschritten! wie viele orthodoxe Gegner sind seitdem nicht durch den Tod aus unserer Mitte ganz und gar geschieden! — Wie die Lösung mehrerer Zeitfragen geschehen kann, weiß ich freilich in diesem Augenblicke so wenig wie viele Andere; sie ist schwierig, sehr schwierig und auch durch Machtsprüche der Regierung, wie Manche um mich her glauben, nicht so leicht zu erreichen, wenn diese sich gar dazu verstehen wollte. Bei allen Untersuchungen der Religionswahrheiten muß man einmal auf Natur und Geschichte gleiche Rücksicht' nehmen, und wie man einerseits gewisse Auktoritäten großer alter Religionslehrer zu achten, und auch das Zartgefühl des an bestimmten Formen gewöhnten Volkes schonen muß, kann man sich andrerseits nicht begnügen wollen, die Zerfallenheit unseres Gottesdienstes blos durch äußern Glanz, durch äußere Ordnung in christlicher Form aufzuhelfen. Mit der bisherigen Abschaffung oder Aenderung einer oder der andern störenden Nebensache, wovon man hier und dort so gern ein Aufheben macht, ist doch wahrhaftig in der Hauptsache noch Nichts gebessert. So erscheinen wir, um nur Eins anzuführen, durch das fortwährende Sehnen und Streben nach Jerusalem in unseren Alltags-, Sabbat- und Neumondsgebeten, durch das unaufhörliche Erharren und Erflehen des Messias in den Tisch-Segenssprüchen, der uns aus dem Fremdlande erlösen, und uns nach unserem Vaterlande hinführen soll, vor Gott und uns selbst unwahr und lügenhaft, da Niemand von uns ungezwungen das ihm so liebe Vaterland Preußen verlassen wird. Wozu also diese politische Unterlage für unsere Gebete? Man findet ja bei den alten sehr oft die verständige Ansicht ausgesprochen, daß es für Gebet, als reinen Erguß des Herzens keine Formel geben kann. Zunz, Marco Mortara u. A. haben zu genügend dargethan, daß selbst die 8cln»oim essra in unseren täglichen Gebeten zur Zeit des Tempels, als noch die Naturaleinheit Jftael's bestand, gar nicht so gelautet haben können, und daß die Gebete überhaupt bis zum Schlüsse des Talmuds gar keine bestimmte Fassung hatten. Was konnte also uns hindern, alle und jede solche Beziehung auf ein anderes, langst in Wahrheit aufgegebenes Vaterland fortzulaffen, wodurch wir, sonst so gehorsame und loyale Unterthanen unserer absoluten Monarchie, uns offenbar zu unserem größten Nachtheile bei der Regierung in ein zweideutiges Licht setzen? Wenigstens habe ich aus dem Munde hochgestellter Staatsmänner schon oft den Vorwurf gehört, daß wir uns ja selbst in dem heiligsten Momente, in der Unterhaltung mit Gott, als politische Flüchtlinge betrachten! — Gesetzt, doch keineswegs zugegeben, diese Sehnsucht nach dem gepriesenen Lande der Verheißung, die einmal keiner von uns im Entferntesten fühlt, sei der Form nach von der wahren Religiosität auf dem Gebiete des Einheitssystems unseres Glaubens unzertrennlich, so müßten die Ausdrücke für das Sehnen und Hoffen in dem Sinne gewählt werden, daß wir uns nicht etwa nach einer eigenen Regierung, nach einem Judenkönig (vor dem uns Gott bewahre!) oder nach einer steten Ruhe sehnen, um die süßen Früchte jenes Landes mit Behaglichkeit zu genießen, sondern nach einer Negierung, die uns zu echten und rechten Unterthanen macht, und die Grundtriebe nach größerer Entfaltung unseren Geisteskräften nähert, die uns der Pflichten theilhaftig werden läßt, die in 'unserem Vaterlande auf dem Baume des Rechts für uns wachsen, damit wir die Gabe der Gesittung, die wir diesem Lande verdanken, seinem eigenen'Gedeihen zu widmen vermögen. Nur so können wir beweisen, daß unsere Sehnsucht nach erweiterten Rechten in edler Gesinnung und im Verlangen eines vcrhältnißmäßig erweiterten Kreises wurzelt. — Dasselbe gilt noch von vielen andern Gegenständen unserer Observanz. Wir wissen alle, daß unsere wichtigsten Religionswahrheiten als unveränderliches Element keinem Zeitwechsel unterliegen können, daß während so viele Völker der alten Welt von der Erde verschwunden, und selbst die Spuren der Existenz der großen Griechen und Römer nur noch in ihren Denkmälern sich zu erkennen geben, wir trotz der entsetzlichsten Bekämpfungen, immer noch kräftig und lebendig in Mllioncnzahl als Trümmer des uralten Volkes dastehen, das seinen Einheitsglauben treu bewahrt, und sein Hauptbekenntniß: „Höre Israel! der Ewige unser Herr ist ein einiges, ewiges Wesen" in Tausenden von Bethäusern täglich zum Himmel sendet. ' Wir wissen aber auch, daß dieselbe Gotteslehre, die in ihren Grundprinzipien so unveränderlich, bis auf die späteste Zeit sich fortgepflanzt hat, in den verschiedenen Epochen