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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-05-08 · Heft 19 (8.5.1841) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 19 (8.5.1841)
Date
1841-05-08
Page
Seite 271 (sequence 15)
Language
German
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27T lichen Daseins mit Gott ist, als Erbsünde ff., wird der Denkende, der Erfahrene bald finden. Nun wird man zwar bald hiegegen mit einer Ladung Assertionen und schroffer, aus dem Zusammenhang gerissener Sentenzen aus dem Talmud kommen, welche dem obigen zuwider liefen. Mein eben so gut könnte ich aus den Kirchenvätern, ja selbst aus Luther und den protestantischen Bekenntnißschristen einzelne, sehr gehässige, und wider die Moral des Christcnthums laufende Aussprüche sammeln, und es giebt im Gegentheil schon gedruckte Anthologieen talmudischer und rabbinischer Sätze genug, aus denen die reinste, lauterste Moralität hervorleuchtet. Wer aus einem mittelalterlichen Aggregat von Sprüchen einiger hundert Männer Rüstzeug zum Kampfe gegen eine aus der Offenbarung Gottes geflossene Religion hervorsuchen will, wird in der theologischen Literatur jeder Konfession genügsamen Stoff finden. Wir Alle sind noch auf dem Wege, die Gesetze der Moralität zur Wahrheit zu machen, und keine Glaubenspartci der Erde ist schon darin zum Ziele gekommen; am wenigsten aber gelangen wir dahin — durch Ausschließung und Unterdrückung! Wenn aber christliches Dogma und christliche Kirche nicht das wese.nhaste Element des Staates sein können, die christliche Moral aber nicht ausschlicßend ist, da ihr jedenfalls die jüdische Moral gleichbefahigt zur Seite steht — so benennt man es noch anders mit christlicher Civilisation. In diesem Ausdrucke findet aber leicht ein historischer Zrrthum statt. Daß das Christenthum ein mächtiger, welthistorischer Hebel der Civilisation des Menschengeschlechtes war und ist — wir laugncn es gewiß nicht, wir erkennen cs mit so größerer Befriedigung an, da das Christenthum wesenhafteste Elemente aus dem Iudenthume gezogen, also mittelbar, aber sehr nahe Israel diesen großen Einfluß geübt hat. Aber keinen Falls ist das Christenthum identisch mit der Civilisation. Denn erstens hat die Civilisation in der Menschheit begonnen viel früher, als das Christcnthum erstand. Die Wiege der Civilisation stand in Asien, ihr kräftiges Jünglingsalter verbrachte sie in Hellas und Rom, also in Südeuropa, erst seit wenigen Jahrhunderten ist ihr Hauptsitz nach Mitteleuropa verlegt, und wer weiß, wohin sie noch rückt? Zweitens hat das Christenthum gerade mit dem Beginn seiner Ausbreitung die vorhandene Civilisation, anstatt fortzuführen, unterdrückt, und ein Jahrtausend die Menschenwelt in den Banden der Unwissenheit, Barbarei, des Faustrechts und der Leibeigenschaft gehalten. Drittens war es die untcrgegangcne griechische, römische und hebräische Civilisation, welche die neuere Civilisation weckte, nährte, erzog. Endlich viertens haben wir'noch heute Länder, welche das Christenthum bekennen, und deren Massen noch tief in der Civilisation, nicht höher als asiatische Völker, stehen, wie neuere Vorgänge in schrecklichen Bürgerkriegen genugsam erwiesen. Was folgt hieraus? Daß die Civilisation des Menschengeschlechtes eine besondere Pflanze ist, die mit diesem erwuchs und in die Höhe geht, die immer verschiedene Stützen sich erwählt, an der aber Alle Theil haben, welche in ihren Wirksamkeiten in die allgemeine Menschenwelt hinaus arbeiten. Sind aber also Christeuthum und Civilisation nicht identisch — nun so haben wir Juden, sobald wir uns die letztere aneignen, auch ohne jenes einen gleichen Anspruch vermittelst ihrer. Der Staat ist die einheitliche Existenz der Gesellschaft. Die Gesellschaft aber enthält nicht den Menschen in seiner Individualität, sondern in seiner Stellung zu Seinesgleichen. Jene überläßt sie ihm ganz und gar als sein unantastbares, heili- -ges, natürliches Eigenthum, diese gestaltet sieinnothwendigen Linien. Sobald wir daher die Stellung einnehmen, welche die Gesellschaft vorgezcichnet als nothwendige Bedingung ihres Daseins, so haben wir ein unabweisbares Recht an ihre einheitliche Existenz, an den Staat. Darum kann der Staat kein individualisirtes Glaubensbekcnntniß zur Bedingung der Ausnahme machen, weil er hiermit das Individuum selbst" angetastet hätte. Anstatt also daß der Staat sich versündigte, wie unser Vers, meint, wenn er die Juden aufnimmt, so thut er vielmehr eine Sünde, einen Uebergriff, wenn er sie zurückweist. Darum müssen alle Die, welche Gewissensfreiheit vom Staate fordern, auf die Aufnahme der Juden dringen, wenn sie nicht einseitig und selbstsüchtig sein wollen. Denn da das christliche Glaubensbekcnntniß so sehr verschieden ist, so steht ja gar keine Grenzlinie fest, wo das christliche Glaubensbekcnntniß anfängt und aufhört, und sehr viele Christen werden viel weiter davon entfernt sein, als eine Menge von Juden. Gerade diejenigen, welche wollen, daß der Staat vom Geiste des Christenthums durchdrungen sei, werden, da so

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