Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1841)
- Date
- 1841-05-08
- Page
- Seite 270 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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270 der Geist der Familie in die Gesellschaft, der Geist der Gesellschaft endlich in den Staat übergeht — so hatte man von den Juden, nach ihrer Aufnahme in den Staat, nur Gutes zu hoffen, sie würden sich treu, eifrig und strebsam für denselben zeigen, und das hat sich auch überall, wo jene Aufnahme vor sich gegangen, bewährt, es wird Keinem gelingen, einen Gegenbeweis zu führen. Wenn aber nicht der „Geist," der unsichtbare, große unbekannte: worin besteht das christliche Element des Staates? Im christlichen Dogma -7jeder Kundige wird zugeben, daß das christliche Dogma ein sehr unbestimmtes ist, und namentlich in unsrer jetzigen Zeit. Der Eine faßt es nach der Concordiensormel, der Andre nach freier, selbstwilliger Schriftforschung, der Dritte nach den Koncilien und Kirchenvätern, der Vierte nach der kirchlichen Tradition, und eine zahllose Masse bindet sich an alle diese nicht, und schlägt einen neuen Weg ein. Wollte sich also der Staat auf dem christlichen Dogma aufbauen, so hätte er eine sehr ungewisse, schwankende Grundlage, die in allen Zeiten anders verstanden, anders gestaltet wurde, über deren Wesen jedes Jahrhundert anders urtheilt, und noch heute keine Einigung statt gefunden hat. Wir brauchen also gar nicht die Frage zu erörtern, ob überhaupt ein Dogma Grundlage eines Staates sein könne — wir haben genug, indem es uns bewußt ist, daß das, innerhalb der Christenheit selbst tausendfach verschiedene, bekämpfte, angegriffene, nie zur Zuverlässigkeit gekommene christliche Dogma keine wahrhafte Grundlage eines Staates sein könne. Wenn aber das christliche Dogma nicht, so kann es noch weniger die christliche Kirche sein, denn, abgesehen davon daß zuletzt seit der Deformation die christliche Kirche in so verschiedene Formen sich auseinandergeschlagen, daß die lutherische und reformirte Kirche überhaupt dem Staate sich unter-, aber nicht übergeordnet hat, brauchen wir nur die Blätter der Geschichte aufzuschlagen, um die Unfähigkeit der Kirche, das Lebenselement des Staates zu sein, zu erfahren. Der Staat hatte sich der Kirche immer zu erwehren, und die Gesellschaft verfiel stets in die furchtbarsten Krämpfe und Zuckungen, wo das kirchliche Element eine Zeitlang die Obergewalt gehabt. Beide, das christliche Dogma und die christliche Kirche, find auch in der Wirklichkeit durchaus nicht zur Aeußerung als Elemente des politischen Lebens gekommen, wenn nicht negativ in der Sache der Juden. Denn die Gesetzbücher der neueren Staaten berufen sich nirgends auf jene, als ihre geistige Unterlage, und beruhen noch weniger auf ihnen, und wird ebensowenig denen, die in den Staatsdienst treten, ein vollständiges kirchliches Glaubensbekenntniß abgefordert. Wenn aber nicht Dogma und Kirche — so doch die christliche Moral. Hier müssen wir aber- und abermals behaupten, daß die Moral des Judenthums dieselbe ist, dieselbe Höhe einnimmt, und um so viele Jahrhunderte früher eingenommen hat, als es früher, als das Christenthum, existirte. Stellet mir ein moralisches Prinzip des Christenthums auf, welches nicht schon in der ältesten Urkunde des Judenthums vorhanden wäre! Von der einen Seite die Nächstenliebe und Gerechtigkeit, neben ihnen das Verbot des Hasses und der Rache, selbst 'gegen Feinde, und das Gebot, den Feinden Gutes zu thun; von der andern Seite die Barmherzigkeit, die in den wesentlichsten gesetzlichen Bestimmungen zu einem Theile des Staatsgesetzes erhoben ist, ohne dabei dem Einzelnen eine Schranke zu stellen; alles dies nicht bloß auf die Bekenner des mosaischen Glaubens, sondern auf alle Menschen ausgedehnt, und zu Gunsten dieser ein eigenes Fremden recht gegründet, um dm Fremden, der sich in Israels Lande aufhalte, vor jeglicher Noth und jedwedem Druck zu schützen, dabei eine völlige Emanzipation aller Menschen ohne Unterschied, mit der Bestimmung', daß bei etwaiger Theilung des Landes, den Fremdlingen'ebenfalls ein Antheil zugewiesen werden solle — diese praktische Moral kann wol im Christenthume keine höhere Entwickelung vorsinden, sie hat siej bereits. Was aber die dogmatische Moral betrifft, so steht hierin das Judenthum gewiß unübertroffen. Es macht'die Heiligung des Menschen in Gott zum alleinigen Prinzipe des Menschenlebens, und erkennt in dieser Heiligung die Annäherung an Gott. Daß nun durch den Geist der Heiligung, wenn er wahrhaft durch das Leben der Menschen sich ergossen, das Sein des Menschen seinen inneren und äußeren Bezügen nach zur Sonnenhöhe des Erdenlebens erhoben wird, braucht hier nicht ausgeführt zu werden; daß dieses Prinzip geeigneter zur Ausfüllung des mensch-