Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1841)
- Date
- 1841-05-08
- Page
- Seite 269 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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269 Tages-Controle. Einige neuere Broschüren. (Fortsetzung und Schluß.) Neber die Aufnahme der Juden in den christlichen Staat. Von Carl Valentin er, Diakonus in Crempe. Altona, 1840. Diese kleine (13 S. fassende) Broschüre hätten wir schwerlich in das Bereich unsrer Betrachtung sgezogen, da sie sehr einseitig und oberflächlich, mit Phrasen in leeren Voraussetzungen sich ergehet, die nicht näher, weder logisch, noch historisch, begründet werden, auch gewiß selbst am Orte ihres Erscheinens schon vergessen ist — wenn nicht die darin aufgestellte Ansicht wirklich das resi^uum der Emanzipationsfrage wäre, das einzige Prinzipielle noch, wohinter unsre Gegner sich flüchten, wenn diese nicht noch immerfort in den öffentlichen Debatten zum Vorschein käme, und so eben in den Verhandlungen des Preußischen Provinzialstandes zu Danzig praktisch ihren hindernden Einfluß bewährt hätte. Diese Ansicht, welche ist sie? Lassen wir, um sie unparteiisch hinzustellen, die Worte des Vers, folgen: „Unser Staat ist ein christlicher Staat, denn das Christenthum zieht Alles in sich hinein, und läßt nichts außer sich bestehen. Es beschränkt sich nicht in dem einzelnen Individuum entweder nur auf sein Gefühl oder seine Gedanken, oder nur auf sein Handeln, sondern es durchdringt ihn ganz, und macht Alles seinem Geiste unterthan. Es beschränkt sich nicht auf die einzelnen Personen, sondern wie diese Familien bilden, wird es Geist der Familie. Es bleibt nicht in den Familien, sondern wie diese übergehen in die Gesellschaft, wird es Geist der Gesellschaft. Und wie die Gesellschaft selbst in das höhere Element des Staates ausgenommen wird, ist es eben so der Geist des Staates geworden. Das ist der Begriff und die Wahrheit des Staates, christlicher Staat zu sein, und eben so wenig kann der Staat sich vom Hhristenthume scheiden, wie das Christenthum den Staat außer sich lassen kann. So steigt der Staat von dem Einzelnen durch die Familie, die Gesellschaft, bis zu sich selbst hinauf, um in dieser Gemeinschaft alles wahrhaft Menschliche zu realisiren. Es ist aber zum Wesen des Menschen gehörig, Religion zu haben, und wie der Einzelne sich durch seine Religion über das beschränkte Dasein erhebt, so kömmt auch der Staat erst in der Religion zu seiner rechten Kraft, und erfaßt in ihr seine Wahrheit, und die Garantie für seine Dauer. Der christliche Staat erkennt sich nur in der christlichen Gesellschaft, den christlichen Familien, den christlichen Individuen, denn in ihnen hat er sich verwirklicht. Wollen nun die Bekenner eines fremden Glaubens in den christlichen Staat ausgenommen werden, so verlangen sie von ihm, daß er ihnen zur Liebe sich selbst aufgeben, seinen Begriff verleugnen, gegen sich selbst sündigen solle." Das Erste, was sich uns nunmehr als Frage aufdringen wird, wird sein: Was ist denn das Christliche des Staates? Worin besteht das christliche Element, welches die Wahrheit des Staates und die Garantie seiner Dauer sein soll? welches verletzt wird bei der Aufnahme der Juden in den Staat?- Darauf antwortet uns der Vers, gar nicht, er hat es nicht desinirt, nicht zum Bewußtsein gebracht, nicht ausgcsprochcn, ja nicht einmal angcdeutet. Daß aus Individuen sich die Familie, aus Familien die Gesellschaft, aus der Gesellschaft der Staat sich auf» baut, ist wahr. Nun wird aber Niemand dem Judenthume die Fähigkeit absprechen, daß in seinem Schvoße die Familie einen sehr lebensvollen Boden findet, denn man rühmt den Juden sogar eine besondere Familienanhänglichkeit nach, und die öffentlichen Statistiken erweisen diesen Ruhm hinlänglich, denn Ehescheidungen und uneheliche Geburten sind bei den Juden um vieles seltner, und Kindes- und Geschwisterliebe wird unaufhörlich mit den größten Opfern bethätigt. Der „Geist der Familie" ist daher sehr kräftig im Judenthume. Ebenso wird man dem Judenthume die Fähigkeit, aus den Familien die Gesellschaft zu bilden nicht absprechen können. Denn mitten durch Jahrtausende des Druckes haben, wo sich drei jüdische Familien zusammenfanden, diese eine Religionsgesellschaft, eine Gemeinde gebildet, welche mit den ungemeinsten Aufopferungen Synagoge, Religionsdiener ff. sich erhielt. Und dies ohne äußern Zwang, ohne exekutive Gewalt. Man überlasse z. B. irgend einem Dorfe, ganz nach eigenem Belieben Kirche, Schule, Pfarrer, Lehrer, Kantor ff. zu erhalten — und man wird den Unterschied bald merken. Wenn nun also, wie der Vers, sagt,