Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1841)
- Date
- 1841-04-24
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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2SS ganze Land zu manchen Zeiten beherrschend. Zn dieser Zeit gab es unter ihnen Ritter und Dichter welche nicht die Sprache der Vater, sondern die des Landes zum Ausdrucke ihrer poetischen Ergüsse wählten. Die große arabische Anthologie bewahrt die herrlichsten Proben von Schlacht- und Minneliedern solcher jüdischen Ritter, die eben so sehr ein Denkmal der Sprachbildung, wie der Freiheit jener Tage sind. Muhammed fand an den Juden seine tapfersten Widersacher; erst nach langen, heldenmüthigen Kämpfe» wurden sie von ihm, dessen Streitkräfte täglich wuchsen, überwunden und zu einem Vergleiche genöthigt, der ihnen die Unabhängigkeit raubte. Die Araber selbst hörten durch die Einführung des Islam auf, im freien Zustande der Beduinen zu leben. Durch die Vereinigung derselben zu einem Volke und unter einem Kalifen wurden sie aus der Einfachheit patriarchalischer Sitte hinaus in das stürmische Leben der großen Weltbühne getrieben, und hierdurch theilten sich auch dem Charakter ihrer Poesie ganz neue Züge mit. Die originalen Eingebungen des Gefühls, der ungekünstelte Hauch der Natur unterwarfen sich der poetischen Kunst oder wichen ihr ganz. Die Juden in Arabien und in den Landern, die von den Sarazenen nach und nach unterworfen wurden, schlossen sich dieser Bewegung in der Poesie an, und sie zeichneten sich nicht blos in der Wissenschaft überall aus, sondern sie wußten sich auch der Schönheiten des Gesanges in der Landessprache so zu bemeistern, daß auS dem Munde der Muhammedaner selbst häufig Lob und Genugthuung darüber erklingt. Nicht so wohlgefällig wie die Muhammedaner nahmen die orthodoxen Juden selbst die Lieder ihrer Glaubensgenossen auf. So lange die Sprache nur.das Mittel war, mit dem Publikum über, ernste Wissenschaft, über Kunst und Religion sich zu verständigen, duldete man gern den Vorzug der arabischen vor der hebräischen Sprache. Daher sehen wir die gefeiertsten jüdischen Gelehrten Philosophie, Grammatik, Gesetze, Rechtsgutachten, Medizin, ja selbst Auslegungen des Talmud, in der reicheren, für jeden Begriff ergiebigen Halbschwester des Hebräische» vortragen. Sobald aber die Schönheit der Sprache ein Hauptzweck war, d. h. sobald sie nicht im Dienste des Glaubens und der Wissenschaft den kalten Gedanken derselben vertrat, sondern muthwillig mit den Bildern der Phantasie ihr Spiel trieb, hielten es jüdische Zeloten für Abtrünnigkeit, für einen Verrath an den himmlischen Tönen, durch die auf Sinai Gott sich offenbarte, wenn Juden sich der arabischen Sprache bedienten. War vollends der Inhalt dieser Lieder Liebe und Wein, so konnten die Dichter eher auf Aechtung als auf Achtung von Seiten abergläubiger Brüder rechnen. Selbst sonst freisinnige Männer, wie der berühmte Juda Ollcharisi, eifern gegen das Dichten in arabischer Sprache und die dadurch nothwendig wachsende Vernachlässigung der Hebräischen. Dieser übersetzte auf Verlangen vieler Spanier den Hariri ins Hebräische. Er hatte aber kaum das Werk vollendet, als er Gewissensbisse darüber fühlte, aus dem Arabischen ein Buch übersetzt zu haben, statt ein ähnliches oder besseres im Hebräischen selbst zu schreiben. Wirklich schrieb er ein selbstständiges Werk nach der Weise der Mekamen des Hariri in hebräischer Sprache und ganz im hebräischen Geiste"). Hier war es eben, wo er in der Einleitung seine Klagelieder über die vernachlässigte Kultur des Hebräischen anstimmt. Blumenreich und mit steter Anspielung auf Bibelstellen schildert er den Verfall der poetischen Literatur seiner Zeit. „Man opfert fremden.Göttern," sagt er unter Anderem, „man liebäugelt mit der Jsmaelitin, der Tochter Kedar's (d. h. man bearbeitet die arabische Sprache auf Kosten der hebräischen). Das Herz der Juden werde gerührt von Gedichten der Magd Hagar und bleibe kalt für die Herrin Sara!" Er ruft dann aus: Des Eifers Schmerz hat mein Gemüth durchdrungen, Daß uns der Ton des Schönen"") ist verklungen! So schöne Frucht erblüht aus Hagar's Schooß, Die Herrin Sara, ach! ist kinderlos. *) Dieses Werk heißt Tachkemoni und entspricht im Namen, Plan und zum Theil auch in der Ausführung dem Vorbilde, den Mekamen des Hariri. Uebersetzungen einzelner Stücke liefert das Journal Asialique. Dukes und Krafft haben deutsche Uebersetzungen versucht. "") Im Originale heißt es Chochma, ein Wort, welches Weisheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Erhabenheit, Schönheit im moralischen Sinne, Tugend und noch vieles Andere bezeichnen kann. Alcharist's .Meinung aber wird gewiß am besten durch das von mir gewählte Wort wiedergegeben. Chochma entspricht hier freilich dem Worte: Muse (daß uns der Muse Stimmen sind ver-