Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1841)
- Date
- 1841-03-27
- Page
- Seite 186 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Belletristik. Förderung und Hemmniß. Eine Skizze aus dem Leben. - (Fortsetzung) Ich hatte nichts gerettet, als meine silberne Uhr und den kleinen Goldreif der alten Sara. Die Angst verdrängte den Schmerz um meine Verlorenen, aber ich schwor, mich nie von diesen Andenken zu trennen, sie sollten meine Heiligthümer, die einzigen Bande sein, die mich noch auch an diese Vergangenheit knüpften. Mitten durch die Feinde, mitten durch die flüchtigen Schaaren führte mich die Hand der Vorsehung unbeschädigt. Die Angst beflügelte meine Schritte, bald kam ich vom Heerwege ab, der Lärmen der Flucht blieb hinter mir, ich floh auf ungebahnten Wegen. So irrte ich umher, bettelte mir in Dörfern einiges Brod, übernachtete in den Forsten, als ich am dritten Tage, nachdem ich einen Hügel überschritten, eine kleine, aber zierliche Stadt vor mir liegen sah. Eine freudige Zuversicht durchzog mich bei diesem Anblick wie von selbst. Ich wandelte durch das Thor, auf der ersten Straße begegnete ich einem sauber gekleideten Juden. Da es Vortag des Peßach war, redete ich ihn an, und befrug ihn um den Vorsteher der Gemeinde. Er war es selbst. Ich bat um Osterkuchen und eine Herberge während des Festes. Ich mußte ihm meine Umstände näher schildern, und da ich unter der Anleitung meines Kandidaten richtig französisch sprechen gelernt, so schien mein Ausdruck, im Verein mit meiner traurigen Lage, seine Theilnahme zu wecken. Ich mußte ihn nach seinem Hause begleiten, und während des Festes bei ihm meinen Aufenthalt nehmen. Ich fand eine anständige, in Eintracht und Liebe einige Familie, die aus einer würdigen Frau und zwei erwachsenen, gebildeten Töchtern bestand. Nach dem Feste schlug er mir vor, bei ihm die Handlung zu erlernen. Er fand mich höchst bereitwillig, ich lag meinen Pflichten treulich ob, man ließ mich meine untergeordnete Stellung nicht fühlen, sondern behandelte mich stets liebevoll, und wenn auch oft inein Meinstehen in der Welt schmerzlich zu meinem Bewußtsein kam, so wußte ich mich doch mit meiner Lage zufrieden sein, und fühlte, daß mein Fortkommen für die Zukunft begründet werde. Ich übergehe die nächsten Jahre; ich ward Die. ner, unabhängiger, aber blieb bei meinem Herrn. Die größten Kämpfe gingen über die Welt, unser Städtchen empfand wenig davon. Ich hatte die Zwanzig überschritten, und sehnte mich nach keiner Veränderung. Die Töchter hatten längst das Haus ihres Vaters verlassen, es war so still und einförmig geworden, aber ich blieb gern, in der Stadt liebte man mich, zu allen Festlichkeiten ward ich meiner gemeffnen Heiterkeit wegen gezogen, mein Herr hatte mir die Nachfolge in seinem Geschäfte gesichert. Aber es sollte anders kommen. Eines Tageses war bei dem neuen Ausbruch des Krieges nach dem kurzen Frieden von Amiens — wurde die Trommel gerührt, auch ich zum Stadthause gefordert, und — eingekleidet. Mit Thränen verließ ich meinen alten Herrn, der mir weinend seinen Segen und eine ansehnliche Baarschast übergab, mit Thränen das Städtchen, das mir eine so still-fröhliche, ungetrübte Jugend geschaffen — aber die Welt, eine kämpfende Welt, rollte ihre großen Bilder vor mir auf, und vor dem Getöse der Waffenplatze zerrann das Gedächtniß der entwichenen Idylle. Ich kämpfte wacker mit. Schlachten schlug ich mit, die aus die Tafeln der Geschichte ihre Namen unverwischlich eingezeichnet, leichte Wunden verharschten wieder, Beschwerden verschwanden im Taumel des Sieges. ' Das Nähere kann sich Jeder ausmalen, der solchem Leben einmal nahe stand. Lassen Sie mich nur eine Begebenheit hervorheben. Es war im Jahre 1807. Wir hatten die Preußen bei Jena geschlagen, bei Halle allen Widerstand vernichtet, wir waren triumphirend in Berlin eingezogen, und nach kurzer Rast auf die Verfolgung des Feindes ausgezogen. ' Bei Eylau hatten die Franzosen eine tüchtige Scharte bekommen. Aber wir waren mehr als je entschlossen, dieselbe bei erster Gelegenheit wieder auszuwetzen. Es war am 23. Juni, als die Feinde sich wieder gegenüberstanden, und am folgenden Tage sollte der Schlachtengott abermals die eisernen Würfel werfen. Mein Regiment lag gerade dem feindlichen Lager am nächsten gegenüber, die Vedetten konnten gegenseitig den Anruf ihrer Feinde hören. Ich stand mit einem lieben Ka-