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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-03-27 · Heft 13 (27.3.1841) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 13 (27.3.1841)
Date
1841-03-27
Page
Seite 180 (sequence 8)
Language
German
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180 so den Pietisten und Meinungs-Bekämpfer heucheln zu sehen. Sogar im Studium des' Talmuds — der einzigen Lehre, die hier allem Andern vorgezogen wird, und die man auch der Jugend am öftersten und am meisten beibringt — auch da erblickt man nichts mehr als kaltes Hinbrüten; und es ist keine seltene Erscheinung, einen Knaben in Chedar den ganzen Tag über Folianten sich hin und her bewegen zu sehen, ohne daß er das Mindeste begriffen hätte, keine seltene Erscheinung, einen erwachsenen Menschen, vom Gewissen gefoltert, seine heiligste Aufgabe vernachlässigt zu haben, stundenlang über Talmud, Poskim murmeln zu hören, ohne daß ihm das Geringste eingeleuchtet habe. So liegt auch das rabbinische Fach tief danieder; die Ideenwelt, die die Väter in dessen Studium hineingelcgt, ist geschwunden, und Nichts ist übrig geblieben als eine weitschweifige und kleinliche Spitzfindigkeit.. Derjenige, der den Knoten immer noch mehr zu verwirren weiß, gilt für gelehrt, weise und wird hochgeschätzt. Das Studium der Bibel sehen Einige als profan an; Einige wiederum betreiben es mehr aus Gewissenssache als aus wißbegierigem Triebe. So stolpern sie — ihren ganzen Glauben den traditionellen Deutungen schenkend — ohne daß bei ihnen eine Spnr linguistischer oder kritischer. Nachforschungen zu finden, über die schwierigsten Stellen. Weder auf Lokalität, noch Position wird Rücksicht genommen, denn wie sollen Jünglinge, die nie über die Mauern ihrer Stadt hinaus gedacht, von einer andern Szene als der ihres Vaterhauses träumen? Oder wie soll der bedrückte, der nie von der Entwickelungsgeschichte einer Nation einen Laut vernommen harte, und dem kein anderes Bild als das seines Elends vor Augen schwebt, Er, der auf jedes trostreiche Wort der Propheten so gierig lauscht, welches gerade auf seine Umstände sich beziehen läßt, wie soll der sich eine andere jüdische Position denken? — O Krakau! in dir war einst, wenn nicht äußerliche, wenn nicht zur Thatkrast übergehende, doch innerliche Regsamkeit: in dir lebten einst Israeliten, die den Geist in sich und unter einander bereicherten, Israeliten, die die nationale Phantasie entflammten, jetzt bist du alles dessen beraubt; in dir findet der Israelit weder Freude an seiner politischen Lage, noch stillen Trost in seinen übersinnlichen Erwartungen; in dir findet weder der jüdische Nationalgeist seine gehörige Pflege, noch die Wissenschaft Schutz und Aufnahme"). Die einstige Innigkeit ist dahin, uffd die giftige Saat bigotter Heuchelei hat schon tiefe Wurzel gefaßt. Niemand ist da, verstoßenes Israel! der deine schlummernden Kräfte wecken. Niemand, der dich zum wirklichen und zum geistigen Leben ermuntern sollte""). ") So ist es verwundernswerth, daß außer einem — übrigens überspannten — hebräischen Drama unter dem Titel „Zedek werescha" (die Tugend und das Laster) von M. Silb erst ein, kein Werk von Belang von einem hiesigen Israeliten zum Vorschein gekommen ist. Wie tief unter andern jüdisch-volkreichen Städten als: Brody, Lemberg, Tarnopol, Prag, Warschau, Wilna u. m. a. die Juden Krakau's folglich auch in literarischer Hinsicht stehen müssen, da in den erwähnten Städten so vieles in der neuesten Zeit geleistet wurde, davon kann dieser Umstand den Beweis geben. Eorresp. *") Ich halte es für nicht ganz überflüssig, hier den Aufruf, den eine polnische jüdische Synode unter Sigismund I. (reg. von 1500—1548) an die Juden Polens erließ, aus der trefflichen Bozpiawa o zvdacli von Ezazki, wegen seines aufrichtigen Sinnes und naiven — freilich im orientalischen Geiste gefaßten — Styles, herzustellen, und ihn in treuer Uebersetzung zu geben. Er lautet also: „Der Ewige hat viele Sefirot (Vollkommenheiten und Vorzüge Gottes, nach kabbalistischer Ansicht). Adam hatte vieler höherer Kräfte Ausflüsse; der Israelit braucht folglich auch bei einem Lehrgegenstande nicht stehen zu bleiben. Wol ist die hauptsächlichste Lehre eine heilige, aber man hat darum nicht nöthig, deswegen die übrigen zu verlassen. Die beste Frucht ist der paradiesische Apfel; aber sollen wir darum einen weniger schmackhaften Apfel nicht genießen i Alle unsere Lehren haben unsere Vater entdeckt, und wer nur nicht irreligiös ist, wird den Anfang aller Wissenschaften in den mosaischen Büchern finden. Was unser einstiger Ruhm war, kann jetzt nicht zu unserer Schande gereichen. Es waren Juden an königl. Höfen; Mardechai war gelehrt, Esther war klug, Nehemias war persischer Rathgeber, und solche haben das Volk von der Sklaverei befreit. Unterrichtet Euch, seid nützlich dem Könige und den Herrschaften, und sie werden Euch achten. Wie viele Sterne es am Himmel giebt, wie viel Sand iw Meere, so viele Juden giebt es in der Welt, aber bei uns leuchten sic nicht wie die Sterne, sondern man tritt sic wie Sand. Unser König ist so klug wie Salomon, so heilig wie David, ec hat bei sich fast den zweiten Prophet Samuel, (er spricht vom Kanzler Samuel Macziejowski), er blickt.auf alle Menschen wie auf einen ungeheuer großen Wald. Der Wind streuet viele

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