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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-03-27 · Heft 13 (27.3.1841) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 13 (27.3.1841)
Date
1841-03-27
Page
Seite 179 (sequence 7)
Language
German
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179 dieser Klasse, da wo es eine religiöse oder scientisische Meinung betrifft, ist keine Grenze gesetzt; da ist bei Jedem sein vorgefaßtes System so fix und blank, daß es Niemand nur für nöthig hält, eines Andersgesonnenen Meinung mit Gründen zu widerlegen, sondern entweder seine Einwendungen, mögen sie noch so triftigen Inhalts sein, werden mit einem höhnischen und tückischen Stillschweigen erwidert, oder sie suchen nach ihrer Art jedwedem geselligen Gespräche den Stempel talmudischer Kasuistik auszudrücken, und alle Einwendungen mit pfiffigem Egoismus zu Nichte zu Wachen. Jedoch löbliche Beispiele zu einem solchen Verfahren liefern ja ihnen Männer, die an der Spitze der Gemeinde stehen. Da feinden sich — wie bereits im letzten Berichte erwähnt worden ist — zwei Konkurrenten unaufhörlich an; in jedem öffentlichen Vortrage fördern sie gegenseitig sudroyante Vorwürfe und Sticheleien zu Tage, die ihnen nicht am würdigsten stehen. Beide wieder in würdigem Einklang benutzen alle Öffentlichkeit — Synagogal-, Konvivial- und Leichenreden — um verwundliche Pfeile nach allen Fortschritten in Bildung und Aufklärung, „nach aller unjüdischen Erziehung der Kinder," nach der Lektüre ketzerischer jüdischer Schriften") zu schicken. Solche Aeußerungen sammeln sich natürlicherweise bei den Israeliten beider Parteien wie in einem Brennpunkte zusammen; Jeder, dem nur eine Aussicht über etwas Gemeinschaftliches übertragen ist, strebt — oft mit erheuchelter Frömmigkeit — durch insultirende Mittel den ausgesprochenen Bannfluch der größten Männer seiner Gemeinde gegen das „ketzerische Betragen" in *) So kann nach unsers Rabblnen eignem Ausspruch, derjenige schon als Ketzer (Apikores) betrachtet werden, der die Zeitung des Judenthums u. dgl. in seinem Zimmer halt, wogegen, wie er versichert „die christlichen Zeitungen nichts enthalten, das den Juden verderben könne." Seiner Vorstellungsweisc haben wir es auch zu danken, daß wir eine Normalschule haben, und daß Niemand dorthin seine Kinder schickt. Denn so wie er vor der Entstehung dieser Schule in die hohen Behörden drang, eine Unterrichtsanstalt für die hiesige jüdische Jugend zu stiften, und zwar aus Besorgnis sie — laut dem Statut von 1818 — in christliche Schulen schicken zu müssen, so eifert er jetzt mit aller Kraft gegen sie. So weit geht der finstere Fanatismus! Corresp. stärkere Gültigkeit zu setzen"). Dabei herrscht hier ein indifferenter Kleinmuth; die mindeste ausgesprochene Schmähung entnimmt dem durch sein Vermögen noch so unabhängigen, durch seine Bildung noch so frei denkenden Israeliten ganz den Muth, und Manche, die bei alldem im Geiste der Zeit leben wollen, beschäftigen sich mit literarischen Arbeiten versteckt und verborgen. An jede Handlung, an jeden Schritt wird der Maaßstab der öffentlichen Meinung angelegt, und der mächtigste Hebel zu allem Verfahren ist der Beifall oder die Mißbilligung hohler Köpfe. So steht Jeder, mit Ausnahme einiger Gebildeten — die seit geraumer Zeit in freundschaftliche Verhältnisse getreten sind, die aber sich in Nichts für die Uebrigen mit Rath und That hervorheben — vereinzelt in tobtet Ruhe da; starr hängt man am Alten, ohne darüber je nachgedacht zu haben. Und nimmt man — was doch selten geschieht — zwischen dieser Masse einen Mann mit einem höherstrebenden Geiste wahr, so wird man bald von einem wehmüthigen Gefühle bemeistert, denselben sich von der regern Klasse der hiesigen Israeliten — aus neidischem und egoistischem Antriebe — trennen, und °) So wurde kürzlich ein durchreisender Magid, der eine Derascha in dem hiesigen Rabi-Meiec-Bet-Hamidrasch gehalten, von den anwesenden Vornehmen und hauptsächlich von den dortigen Vorstehern, trotz seiner vielseitigen talmudischen Kenntnisse, mit möglichster Verachtung und Geringschätzung behandelt, weil ec in seiner Rede einer exegetischen Auslegung von Wessely erwähnte. Diesem Magid, der manche Empfehlungsschreiben von einigen deutschen jüdischen Gelehrten mit sich hatte, die, dem Vernehmen nach, zu einer solchen Aufnahme auch bkigetragen haben sollten, gesonnen, eine zw.ite Derascha in einem andern hiesigen Bet hamidrasch zu halten, ließ ein da betender, hier höchst angesehener Assessor (Dajan) die Weisung zukommen ,^daß er lieber sich nicht unterstehen solle. Vortrage von solchem Schlage in seiner Gegenwart auszukcamen." So war ich hingegen nicht einmal Zeuge, daß solche Frömmler, deren Gemüth vom bloßen Namen Wessely's so sehr empört wird, von mystischen und sinnverdrehenden Deutungen ordentlich entzückt wurden. Diese Leute, die in allem Geheimnißvollen und Wunderlichen — was wol mit ihrer verkehrten Gesinnungsart zusammenpaffen mag, -ihr Vergnügen finden, gehören wol zur dritten Klasse der Zuhörer, die einem Säuger gleicht, der den Wein durchgehen läßt, und die Hefen festhält. (Abot Abschn. 5. §. 18.) — Corresp.

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