Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1841)
- Date
- 1841-03-20
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 dein Brod nicht umsonst verzehren, ich brauche eine treue Seele zu Hause, wenn ich auf Reisen bin. Du gefällst mir, und daß du so wacker „lernen" kannst, wie ich merke und du sagst, so denk' ich, du bist ganz gescheidt. Und die Babe? — Für die muß die nächste Kehilla sorgen, und ich will morgen dem Parncß drüben in M. schon zusetzen. Centnerlasten sielen mir vom Kindesherzen, schon tanzten fröhliche Bilder von Pferden und Gäulen, von Städten und Flecken vor meiner Einbildungskraft, ich vergaß selbst das Nachtgebet. Wie schnell heilen die Wunden eines Kindes! Ich fühlte mich wohl im Hause meines neuen Vaters, der mich sehr verhätschelte, und da ich der alten Sara, die das Regiment führte, zu schmeicheln wußte, wurde ich auf Händen getragen. Selten gedachte ich der verfallnen Hütte, fern vom Dorfe, selten selbst der einsamen Gräber meiner Eltern. Aber ich war mir ganz überlassen, mein Pflegevater meist entfernt vom Hause, und mich schon für gelehrt haltend, die alte Sara nur besorgt, wenn ich zu kühn auf den Pferden mich tummelte. Für meine Erziehung geschah daher Nichts, als eine unbegränzte Güte. Doch auch hier stellte sich ein schützender Genius ein. In unserm Hause wohnte ein Kandidat der Theologie, der mich zufällig einmal in einem hebräischen Buche lesend fand. Er wollte selbst gar zu gern diese Sprache tüchtig kennen lernen, und so nahm er mich zum Mentor an. Freilich mußte er selbst geschickt genug sein, aus mir herauszulocken, was er wissen wollte, aber es ging, und zum Lohne unterrichtete er mich dafür einige Stunden des Tages. Er war dabei weit entfernt von jener Lust, die den christlichen Lehrer jetzt so häufig stachelt, den Missionär bei Judenkindern zu spielen, sondern mahnte mich im Gegentheil zur Treue und Gewiss senhaftigkeit in meiner Religion. Ich lernte schnell Lesen, Schreiben, die Landessprache und die deutsche und allerhand Wissenswerthes. Bald erntete mein Pflegevater die Frucht davon, denn ich schrieb ihm, der nicht schreiben konnte, und dessen Gedächtniß ansing schwach zu werden, seine Rechnungen auf, und stand ihm überall zur Hand. Drei glückliche Jahre waren mir im Hause dieses edelherzigen Mannes vergangen, als die Szene schrecklich sich änderte. Eben war ich ösr Mizwa geworden, mein Pflegevater hatte mir eine silberne Uhr, seine Freunde eine Menge von Schaustücken, die alte Sara einen kleinen Goldreif geschenkt. Da hatten die Verbündeten den Champagneseldzug gegen die französische Republik eröffnet. Wir nahmen an allem Dem wenigen Theil, als plötzlich — es war wenige Tage vor dem Peßachfeste — die Gegend sich mit Soldaten füllte, nahe unsrer Stadt schlugen sich zwei Corps, die Republikaner wichen, die Feinde rückten auf die Stadt los, und da diese sich vertheidigte, bekannten sie sie. Sie wurden abgeschlagen; aber am andern Morgen spielte das feindliche Geschütz ohne Aufhören, Tumult tobte durch alle Straßen, die Franzosen verließen die Stadt, und mitten in diesem Tosen, während dessen wir uns in einer Stube verbarrikardirten, fiel eine Bombe in das Haus, in das Zimmer, und tödtete — meinen Wohlthäter. Ich und Sara eilten hinaus, aber die Flamme loderte schnell auf. Sara wollte ihre Ersparnisse retten , und eilte die Treppe hinauf — ich sah sie nicht wieder, in einer Stunde lag das Haus in Asche. Unterdeß rückten die Feinde in die Stadt, es wurde geplündert, die Einwohner flüchteten sich, und die Stadt verbrannte zum größten Theile. l Fortsetzung folgt.) Geschichte. Das Dekret Zustinian's vom Zahre 553. (Schluß.) Das ganze Dekret und sein Vorhandensein liegt offenbar auf Faktischem. Es kann kein aus einer Idee des Gesetzgebers, sondern muß ein aus wirklichen Geschehnissen hervorgegangenes, durch letztere zur Nothwendigkeit gewordenes Dekret sein. Welche waren diese aber? Die Vorrede spricht es überklar aus: „Aus den Interpellationen der Juden selbst, die sie an Uns richteten, erfahren Wir, daß Einige die hebräische Sprache allein festhalten, und dieselbe in der Vorlesung der heiligen Schriften gebrauchen wollen. Andere aber auch die griechische Sprache hiezuzunehmen würdigen, und daß sie seit langer