Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1841)
- Date
- 1841-03-13
- Page
- Seite 159 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225185--03400-3312932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
159 eine Tabelle der abgehenden Schüler sammt ihren erwählten Berufen befindet. Hierbei ist es jedoch sonderbar, daß so viele Knaben als Handwerker aufgeführt sind, von denen bekannt ist, daß sie nie dran gedacht haben, Handwerker zu werden. — Es bleibt nun noch ein wichtiger Gegenstand zu besprechen übrig, nämlich der Gottesdienst, der mit der Schule verbunden ist. — An Sonnabenden und Feiertagen versammelt man sich im Prüfungs-Saale zum Gebet. Predigt, Gesang, abgekürzte Gebete — alle Requisite eines gut geregelten Gottesdienstes scheinen da zu sein, und doch fehlt der Nerv des Ganzen — die Andacht. Man hat fast immer Gelegenheit, eine vollkommene, das Ganze störende Andachtslostgkeit der Knaben zu bemerken und ist leider die Behauptung nicht unwichtig, daß nur der Mangel an Andacht im Aufseher selbst ihn Ln den Knaben hervorruft. Im Gottesdienste müßte woL mehr durch das eigene Beispiel, als durch laut und störend gegebene Verweise, die bis nach dem Schluß der Feier aufgespart werden können, gewirkt werden. Dazu kommt noch ein anderer höchst tadelnswerther Umstand. Die Zahl der sogar mit Einlaßkarten versehenen zugelassenen Erwachsenen wird zumal an den Feiertagen so groß, daß die Knaben außer den Sängern förmlich in den Hausflur hinausgedrängt werden, wo von Andacht freilich, nicht die Rede sein kann. Was der Grund dieses Mißbrauchs ist, mögen wir hier nicht erörtern. Sehr zu loben ist wiederum die Einrichtung des Gesanges während des Gottesdienstes; aber damit ist jedoch wieder ein oben bereits angedeuleter Mißbrauch verknüpft. Denn außerdem daß zur Einübung der Gesangstücke vier Stunden wöchentlich (in andern Schulen gewöhnlich nur zwei) anberaumt sind, werden diese keinesweges dazu benutzt der Anordnung gemäß, die Knaben nach Noten singen zu 'lehren, sondern einzig und allein um auf die eine oder die andere Weise die zum Gottesdienst nöthigen Gesänge einzupeitschen. Dadurch wird aber der ganze Zweck des Gesangunterrkchts, die Stimme regelmäßig auszubitden und den Kunstsinn zu wecken, vollkommen verfehlt. Einen wichtigen Bestandtheit des Gottesdienstes bildete nun endlich die Predigten, die in deutscher Sprache von zwei "Lehrern der Anstalt abwechselnd gehalten werden. Einer Differenz in der Behandlung derselben war hiebei wieder nicht zu entgehen. Zuvörderst sollten die Predigten nur an die Knaben gerichtet und ihrem Geiste angemessen sein. Nun befolgt zwar der jüngere der beiden Prediger diesen Grundsatz, da seine Anreden sich immer an die Kinder wenden; aber nach jedes Vernünftigen Dafürhalten müßte die Predigt in rhetorischer wie didaktischer Hinsicht sich immer edel und fehlerfrei zu halten haben — dies könnte jedoch nur durch eine sorgsame Vorbereitung bewirkt werden. Entgeht nun wiederum die Predigt des altern Lehrers diesem Mangel, und ist sie vielmehr fast immer als edel, sinnig, frei und kräftig zu bezeichnen, so steht sie doch auf einem höhern, mehr den erwachsenen Zuhörern, als den Kindern adäquaten Standpunkte — so daß durch sie das hier eigentliche Ziel: die Kinder anzuregen und zu erheben auch nicht erreicht wird. — Ein Bedauern sei uns hier noch darüber auszusprechen erlaubt, daß ein in einem der ersten Programme angeregtes Projekt, unter den Knaben eine Krankenpflege einzurlchten, nicht zur Ausführung gekommen ist. Diese glückliche Nachahmung der bereits an Universitäten vorhandenen Einrichtung, würde nicht bloß den Nothlerdenden Hülfe bringen, sondern auch dazu dienen, in den Knaben einen edeln menschenfreundlichen Sinn hervorzurufen. Die dadurch verursachten, gewiß nicht allzugroßen Kosten könnten wol von den Geschenken der zahlreichen Besucher des Gottesdienstes gedeckt werden, und würden diese, mit der edeln Anwendung ihrer Geschenke bekannt gemacht, diese zweifelsohne noch reichlicher fließen lassen; die etwaigen Ueberfchüsse könnten dann wol zur Nothkasse*) und zur Bekleidung der armen Kinder verwendet werden. — Die darüber abgelegten Rechnungen würden gewiß glänzende Resultate Herausstellen. —- Diese unparteiischen Bemerkungen können wir nicht schließen, ohne zuvor unsere feste Ueberzeugung auszusprechen, daß bei dem guten Geiste, der sich bekanntermaßen in der Anstatt befindet, ihre segensreichen Wirkungen sich ungemein vermehren würden, wenn Vorsteher und Lehrer in der Erkenntnis ihres hohen Berufs gemeinsam ihrem schönen Ziele zustrebten. Es würde den Vorstehern, deren eigene häusliche Thätigkeic sie meistentheils in Anspruch nehmen muß, immer unmöglich sein, die wahren Bedürfnisse der Anstalt kennen zu lernen, so lange sie nicht einen oder mehrere Lehrer der Schute selbst in ihre e) Ein Unterstühungsfond für die aus der Schule in's praktische Leben übergehenden armen Knaben.