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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-02-27 · Heft 9 (27.2.1841) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 9 (27.2.1841)
Date
1841-02-27
Page
Seite 124 (sequence 12)
Language
German
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XZ4 äußerst verschieden ist? Dann hat das Judenthum noch Entwickelungskraft genug, um die chassidische Sekte zu produziren', die eine völlig eigenthümliche Richtung verfolgt? Zeigt nicht von der andern Seite der Bestand dreier völlig getrennten Parteien um die Zeit der Zerstörung Jerusalems, die später ganz spurlos verschwinden — denn himmelweit sind Karäec und Sadducäer verschieden, wenn sie auch im Prinzips eine in der Natur der Sache liegende Aehnlichkeit haben — daß die damalige Geisteswelt bei weitem eine andere war, in der die spätere Entwickelung nur erst noch ihre, wenn auch schon bedeutende Keime hatte? Ein Beispiel genüge. Im Philo haben wir schon die Tendenz, die spater zur Kabbala wurde. Nun legt ein Blatt Philo's neben eine Seite des Sohac — wie viel Aehnlichkeit, um wie viel weniger Gleichheit der Ansichten werden wir finden? Hatten wir nun den Philo nicht, wollten wir seine Meinungen dem Sohar restituiren? Bedenken wir noch dies: unsireitig hat Josephus das meiste Recht, als Autorität für dies Jahrhundert der Zerstörung Jerusalems angesehen zu werden. Und wie vielfach sind seine Berichte verschieden von denen der Mischna und Gemara, man vergleiche z. B. die Angaben über die Priesterkleidung. Wenn aber schon über solche, materielle, anschauliche Gegenstände, um wie viel weniger in Ideen, und Lehren! Und sollte eine so ungeheure Katastrophe, wie der Fall Jerusalems, die Zerstreuung der Juden, die Leiden, die sie dabei betrafen, ganz ohne Einwirkung auf ihre geistige Welt geblieben sein, daß Aussprüche von 3 bis 13 Jahrhunderte nach ihnen geradezu für herrschend im Jahrhundert vor ihnen angenommen werden können? Nach der Meinung Gfrörer's wäre der gesammte Inhalt jener großen Schriftenmasse schon ein Jahrhundert vor dem Falle Jerusalem's vorhanden gewesen, und die 14 Jahrhunderte seit dem nur angewendet worden sein, ihn wörtlich niederzuschreiben. Nun überlege man schließlich, daß schon Akiba und Gamaliel Vorbereitungen zur Mischna getroffen hatten, diese dann abgefaßt und 50 Jahre darauf schon die Tosafta's ihr zugefügt wurden, Sifra, Sifri und Mechilta folgten, und dennoch waren bald die beiden Gemara's nothwendiges Bedürfniß und so fort. Ersieht man nicht daraus," daß eine anwachsende, von Zeit zu Zeit fortschreitende, erweiternde Bearbeitung hier stattfand? Demnächst sind allerdings überlieferte Massen von Meinungen in alle diese Werke ausgenommen, aber ohne die sorgfältigste, bis jetzt noch fehlende Kritik kann der Inhalt der gedachten Schriften nicht einem frühem Jahrhundert geradezu zugeschrieben werden. Auf diese Weise sieht es mit der Gfcörer'schen Darstellung des „Jahrhunderts des Heils" sehr mißlich aus. Betrachten wir aber das Werk ganz unabhängig von seinem äußern Zweck, die Unterlage des Christenthums nachzuweisen, als Versuch einer talmudischen Dogmatik. Der Verf. behandelt im dritten Kapitel „die jüdische Lehre von der Offenbarung;" im 4. Kapitel „von Gott ff.;" im 5. Kapitel „von den höhern Geistem, Engeln und Teufeln;" im 6. Kapitel „die Schöpfung, die Welt;" im 7ten „der Mensch;" im 8ten „von der Gnade Gottes;" im 0ten „das jüdische Volk, die Vorsehung, diese und jene Welt;" im 10ten „die alte jüdische Lehre vom Messias und den letzten Dingen." Man sieht, daß diese Rubriken den dogmatischen Kreis ziemlich abschließen, obgleich man des innersten Konnexes wegen manche Theile anders geordnet wünschte. Innerhalb des Ganzen finden wie aber nun dieselbe unhistorische, unkritische und unwissenschaftliche Methode, die schon dem Werke in der ersten Tendenz so vielen Abbruch gethan. Bevor an eine wahrhafte, gründliche und bleibende Arbeit über die talmudische Dogmatik zu denken ist, muß vor Allem die Kritik des talmudischen Stoffes und die Kritik seiner Methode wenigstens aus dem Groben heraus gearbeitet sein. Wir sind durchaus nicht der Meinung, daß alle auffälligen Aussprüche, die sich in den Talmuden und Midraschim zusammengehäuft finden, allegorisch und künstlich gewunden erklärt werden soll. Aber eben so wenig kann jeder Einfall witziger, gelegentlicher oder leidenschaftlicher Natur, der in einen Winkel des Talmuds hingelegt ist, als seine Gcundanschauung betrachtet und hervorgehoben werden. Man lese z. B. irgend ein der oben bezeichneten Kapitel Gfrörer's, man wird die erhabensten, gelautertsten, noch heute mit Enthusiasmus von uns anerkannten Lehrsätze neben, nicht nur sonderbaren, sondern, wie sie da aus dem Zusammenhänge gerissen selbstständig hkngestellt sind, sinnlosen Aussprüchen. Liegt nun die dichte Verbindung Beider in der Möglichkeit der menschlichen Natur? Gewiß nicht. Man muß im Talmud Zeit, Gelegenheit und Zweck eines Ausspruches unterscheiden und berücksichtigen. Eine talmudische Dogmatik kann nicht aus zusammengerafften Sätzen des Talmuds konglomerirt werden: sie muß sich 1) historisch abtheilen, und diese tausendjährige Literatur in ihre Epochen bringen, 2) die objektive Anschauung auffassen und Herausstellen, und dann erst 3) die subjektive Anschauung zu

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