Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1841)
- Date
- 1841-02-27
- Page
- Seite 123 (sequence 11)
- Language
- German
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123 den Midraschim und Talmuden ursprünglich vorhanden Nachweisen. Hatte Salvador in seinem bekannten Werke dies 2 priori und ohne talmudische Unterlage zu deduckren versucht, und damit erweisen wollen, daß die christlichen Ideen nur eine nothwendige Seitenentwickelung der jüdischen Ideen seien, und daß der Letzteren Obherrschaft zur Zeit eintreten werde, als des Allgemeinem, was nur so lang zurücksteht, bis alle Phasen des Individuellen durchgegangen sind — so war die Nach- Weisung des Ursprungs des Christlichen aus dem Jüdischen im Speziellsten der Zweck der folgenden Schriften: Das Jahrhundert des Heils, durch A. Fr. Gfrörer, Professor, Bibliothekar in Stuttgart. Erste und Zweite Abtheilung. Stuttgart, 1838. Der Zweck des Verfassers war in diesem Werke: ein Bild des geistigen Lebens der Juden in dem Jahrhundert, in welchem der Stifter der christlichen Religion auftrat, zu geben, um so die Entwickelung des Christenthums aus jenem genetisch zu verfolgen. Unter der Hand gestaltete sich dies zu dem Versuche einer talmudischen Dogmengeschichte. Als solcher Versuch ist das vorliegende Werk höchst wichtig, und nicht zu übersehen, obgleich es in dieser Bedeutung dem Vers, selbst nicht erschienen zu sein scheint. In der Beurtheilung dieser Leistung haben wir daher von diesem doppelten Gesichtspunkte auszugehen. Sehen wir das Werk zuerst als Bild des ewig denkwürdigen Jahrhunderts an, wo von der einen Seite aus dem Judenthume ein kleiner Sproß hervorging, der im Wachsthum weniger Jahrhunderte eine halbe Welt beschatten sollte, von der andern Seite der Mittelpunkt des jüdischen Volksbestandes verloren ging, der Sitz der Juden sich über die Welt ausdehnte, und das dritte, große Stadium des jüdischen Lebens und des jüdischen Zweckes begann. Hier mußte Gfrörer zuerst die Quellen angeben, aus denen er schöpfen könne, um einen wahrheitlichen Abriß jener Zeit entwerfen zu können. Dies thut er im ersten Kapitel. Sie sind: der Talmud mit den Tosafta, die alteren Midraschim (Sisra, Sifri und Mechitta), Seder Olam, die jüngeren Midraschim, die Targumim, und endlich die mystischen Schriften (von S. Jezira 'bis zum Sohar.) Diesen fügt der Vers, eim'ge apokryphische Bücher zu, das uvaßaTixov'Haaiov, das vierte Buch Esra, das Buch Henoch, die jedoch für den gedachten Zweck von sehr geringer Bedeutung sind. In der Angabe der Abfassungszeit dieser Werke folgt der Verfasser den Resultaten in dem oben gedachten Werke von Zunz. Ihm eigenthümlich ist nur der Nachweis aus den Kirchenvätern, von denen so oft gesagt wird, daß sie vom Talmud nichts wüßten, Origenes zeigt Bekanntschaft mit Sätzen der Mischna de princ. Opp. tom. 1. 176. 179 ed. de la Rue. Epiphanius spricht aber ganz erweislich über die Mischna haer. 13 ed. Petavü S. 33. haer. 32. S. 224. Hieronymus endlich scheint in dem Briefe an Algasia (Jahr 406) von der Gemara zu sprechen. Endlich spricht die 146ste Novelle Justinians (Jahr 553) über Streitigkeiten, die wol in Folge des Abschlusses der Gemara entstanden sein mochten. Jedenfalls haben wir in obigen Werken eine Schriftenreihe, deren Abfassungszeit (außer den Targumim) von 220 bis 1300 d. gew. Zeitr. reicht. Um so naher lag die Frage, wie können so späte Schuften über das Leben eines viel frühem Jahrhunderts Aufschluß geben? Diese Frage beantwortet der Verf. im zweiten Kapitel. Er stützt sich auf die Stabilität, auf die Unveränderlichkeit des jüdischen Lebens, wobei er auf die Chinesen, die seit einem Jahrtausend keinen Schritt gethan, hinweist, und daß die Juden in Polen, wie sie in der Lebensbeschreibung Salomon Maimon's geschildert werden, ganz den Juden im Talmud gleichen. Endlich mache die Jsolirung der Juden in ihren geistigen Bestrebungen auf den Talmud diese Stabilität wahrscheinlich und möglich. Mit diesen Behauptungen hat sich der Verf. in einem Schlage die Erlaubniß gesichert, aus allen jenen Schriften bunt unter einander Stellen zusammenzuwersen, und sie zu einem Ganzen zusammenzuleimen, wenn sie auch durch ein Jahrtausend getrennt sind. Das Prinzip der Stabilität aber so weit ausdehnen, daß man Schriften eines Jahrtausends wie in einem Jahre entstanden ansi'eht, ist gewiß höchst unhistorisch und unwissenschaftlich. Denn allerdings zeigen die Juden eine bedeutende Stabilität, und ihr ganzes Leben ist auf oiesem Elemente gebaut. Alle Veränderungen im Judenthume mußte die Zeit mit Sturm und äußerster Kraftanstrengung erobern. Ist aber nicht darum dennoch die Abfassung der Mischna selbst eine Neuerung? Bleibt darum dennoch die Entwickelung aus, und hat diese je im Judenthum gefehlt? Fängt überhaupt die rechte Stabilität der Juden nicht erst nach dem Abschluß des Talmuds an? Und beginnt nach diesem nicht dennoch erst die Entwickelung der Synagoge, die sich in die beiden wesentlich verschiedenen Theile der Portugiesen und Aschkenasim trennt, und letztere zerfallen sogar wieder in zwei Minhagim, deren Charakter