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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-02-20 · Heft 8 (20.2.1841) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 8 (20.2.1841)
Date
1841-02-20
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 den. — Man vernimmt sehr oft die Klage, daß in der neuern jüdischen Literatur so wenig Gediegenes, Gründliches, an Werthe und Verdiensten Bleibendes geschaffen werde. Wir wollen hier die mancherlei Motive, die ungünstig auf unsere Literatur einwirken, nicht naher erörtern. Vielfach aber entsteht diese Klage nur aus der Unbekanntschast mit den Erzeugnissen unsrer Literatur. Denn gerade der größere Theil selbst des theilnehmenden Publikums ist ein solcher, zu welchem die Kunde tüchtigerer Werke erst nach mehreren Jahren ihres Vorhandenseins dringt, indem er die laufenden Mittheilungen übersieht, und erst nach öfterem und wiederholtem Erwähnen danach greift. Nichts nothwendiger daher, sowol für die Kenntnißnahme des Publikums, als für die Bildung des literär-historischen Bewußtseins, von Zeit zu Zeit die Erscheinungen der Literatur und ihre Resultate übersichtlich zusammenzusiellen. Unsere Literatur hat das Eig^nthümliche, daß sie in ihrem ganzen Bestände sich stets nur um einen großen, riesen- und massenhaften Stock gelegt hat, von dem aus alle Ebenen und Fluren, großen und kleinen Landerstriche der Literatur auslaufen. So stehet als granitnes Grundgebirge die heilige Schrift da, (und man könnte in dieser wieder die fünf Bücher Mosis als Urhöhe, um die die anderen Schriften sich legen, betrachten;) als das zweite, Mittelgebirge, der Talmud, (und auch dieser findet in der Mischna seinen eigentlichen Fond wieder,) von dem aus bis in die neueste Zeit die Literatur des Judenthums nur Ausstrahlungen nach den verschiedensten Richtungen giebt. Aber abgesehen hiervon war und ist es die Aufgabe der neuern jüdischen Literatur, sich diese beiden,Grundlagen des ganzen historischen Judenthums zum wiffenschaftlichen Bewußtsein zu bringen. Die heilige Schrift greift hier vor Allem in das ganze neuere Leben des Judenthums, und alle Produkte desselben haben mehr oder minder eine innige Beziehung zu diesem Bestreben, im Judenthum ein neues, aber historisch in ihm selbst wurzelndes, Bewußtsein der heil. Schrift zu schaffen. Es ist aber nun heute unsre Aufgabe, dem Publikum einen übersichtlichen Bericht über die Leistungen der jüngsten Zeit, den Talmud dem wissenschaftlichen Bewußtsein, der wissenschaftlichen Auffassung und Aufklärung zu nähern, vorzulegen. Den Reigen eröffnet hier nothwendigerweise das Meisterwerk: Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, historisch entwickelt. Ein Beitrag zur Alterthumskunde und biblischen Kritik, zur Literatur - und Religionsgeschichte Von Dr. Zunz. Berlin, 1832. Allerdings ist es die spezielle Aufgabe dieses Werkes, die gott-sdienstliche Auslegung der heiligen Schrift in der Synagoge historisch zu entwickeln, von der ältesten Zeit bis jetzt. Allein gerade darum mußte die Loslöfung dieser Richtung aus der gesammten alten Literaturmasse nachgewiesen werden, und dies konnte wieder nicht geschehen, ohne die Entwickelung der Gesammtliteratur aufzuft'nden und nachzuweisen. Auf diese Weise mußte der Talmud in seinem Entstehen und in seinen Bestandtheilen, zu denen die Hagada so bedeutend gehört, in dieser Schrift näher betrachtet werden. So wird denn im dritten Kapitel der Ursprung und die Entwickelung des Midrasch d. i. der gesammten Auslegung der heil. Schrift dargestellt, und wie er alle schriftstellerischen Thätigkeiten verschlingen mußte; wie der Midrasch sich in Halacha (das Gesetz) und Hagada (die freie Auslegung) auseinanderschlug; wie die Mischna aus älteren halachischen Zusammenstellungen hervorgegangen und ihr Vechättniß zu den anderen älteren midcaschischen Arbeiten; und wie diese sich zur Gemara erweiterte, wo das Verhältniß des jerusalemschen und babylonischen Talmuds naher erörtert wird. Von hier aus verfolgt der Vers, die Hagada allein, als das, was nach Abzug der Halacha von der midcaschischen Thatigkeit übrig bleibt. Aber auch hier mußte der Verf., nachdem er die Targumim beseitigt, zu den eigentlich halachischen Schriften zurückkehren, und die Hagada, so weit diese sich in jene einmischen mußte, in ihnen nachsuchen. So wird denn im sechsten Kapitel die Hagada in der Mischna und in den beiden Talmuden in Augenschein genommen, und später an einzelnen Stellen darauf zurückgekommen. — Das wesentliche Verdienst dieses Werkes in Bezug auf den Talmud ist: die organische Genesis des Talmuds zum ersten Male ausgestellt zu haben. Durch die Erörterungen Zunz's erscheint der Talmud als ein nothwendiger Ausfluß einer großen Entwickelung, deren Anfänge bis auf das Buch Josua zurückzuführen sind, dennoch aber nur als ein Glied des großen Gesammtorganismus, aus dem freilich sehr viele Glieder ganz oder theilweise verloren gegangen. Die Vor-, Neben- und Nacharbeiten des Talmuds werden uns klar angedeutet. Allerdings erstreckt sich dies Alles nur auf den Talmud als Ganzes, und das unendliche Material

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