Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1841)
- Date
- 1841-02-20
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225182--03340-3312869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
102 lcr und Händler muß so außen weilen. So kömmt der Mann den ganzen Tag nicht nach Hause, denn der mäßige Orientale kann sein Bedürfniß überall besriedigen. So hat denn auch das Weib gar Nichts zu thun, denn die Häuslichkeit selbst macht ihnen wenig Sorge. Für den Abend wird kalte Küche besorgt, oder in einer halben Stunde aus der Pfanne das Nöthige bereitet. Der Tag geht daher hin, indem die Frauen zusammenhocken, schwatzen und rauchen, wozu die jüngst verheiratheten Frauen bis nach dem ersten Jahre der Ehe die Pfeifen stopfen und Kaffee brauen müssen. Alles kömmt daher darauf an, wie das Vernehmen zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter ist. Im günstigen Falle bleibt der Friede zwischen den sich so selten erblickenden Eheleuten erhalten, im ungünstigen Falle wird die geringste Ursache dem Gatten so in's Herz geschwärzt, daß, da die Eheleute so im siebzehnten, achtzehnten Jahre ihrer überdrüßig zu sein pflegen, man bald eine Ehescheidung motivirt, und eine neue Ehe entrirt. Zu einem einfachen, gemüthlichen Familienleben will es bei solchen Elementen, beim Mangel aller höheren, geistigen Bewegungen, nicht kommen. Eine schwüle Lust drückt auf dieses Volk bis im Innersten ihrer Wohnungen. Ich könnte Ihnen viele, bald heitere, bald-trübere Bilder aus diesem Leben vorführen, könnte Ihnen erzählen von ihren Spazierfahrten nach den „süßen Wassern," die so oft durch die frevelnden Steinwürfe von Andersglaubenden gestört werden, von ihren Hockzeiten, wo die Trauformeln ganz andere sind, wie bei uns, Beschncidungen dgl., allein ich schreibe nicht zum Vergnügen, sondern um des ernstesten Ernstes willen. Das Weib steht hier tief, so tief, daß ihm nicht einmal ein Mi scheberach gemacht wird. Allein nach dem Standpunkte - seiner Bildung verdient es nicht höher zu stehen. Hier muß Alles erst noch geweckt und erhoben werden. Daß dies desto schwie. riger ist, je tiefer die ganze umgebende Welt, Türke und Grieche, steht, verkenne ich nicht. Aber von den Mitteln hierzu, werde ich das nächste Mal mich eines Weitern auslassen. Großbritannien. London, II. Januar. (Privatmitth.) In einem Lande wie England, wo die Erziehung der Jugend ausschließlich den Eltern überlassen ist, ohne daß irgend eine obrigkeitliche Gewalt sich darin einmische, oder irgend ein Regulativ für Lehrer und Lehrfächer vorhanden ist, kann man das Schulwesen als den Standpunkt annehmen, von welchem aus man auf den Zustand der Israeliten im Allgemeinen zu schließen hat. Die Schulen befinden sich mit Ausnahme der Freischulen, sämmtlich aus dem Lande, und dürfen mit dem Namen Pensions-Anstalten belegt werden.— Wie es hier in jedem Geschäfte Opposition giebt, so ist es auch bei den Schullehrern der Fall. Jeder strebt, die Anzahl seiner Schüler zu vergrößern, und sucht natürlicherweise den Wünschen der Eltern aufs befriedigenste zu entsprechen. Hieraus folgt denn, daß man dem Knaben hauptsächlich dasjenige beizubringen sucht, worin die Eltern besonders wünschen, daß er glänze. — Die gewöhnlichen Unterrichtszweige sind: die englische, französische und lateinische Sprache, Geschichte, Geographie, Arithmetik, auch Euklid, Mythologie, Kalligraphie und Orthographie. Was das hebräische Fach anbelangt, so begnügt man sich mit dem Lesen und Uebersetzen der fünf Bücher Moses und der Gebete; nur wenige erlernen die Propheten und anderen Bücher der heiligen Schrift, da die Schuljahre gewöhnlich abgelaufen sind, wenn sie die fünf Bücher Moses beendet haben. — Eigentlichen Religionsunterricht ertheilt man nicht; theils mangelt es an einem zweckmäßig eingerichteten Religionsbuche, und theils liegt die Schuld, wie Sie aus meinem Gesagten leicht entnehmen können, an den Eltern. Würde man an einen Lehrer die Frage stellen: und wo ist denn der wesentlichste Theil des Unterrichts, die Religion? so darf man im Voraus der Antwort versichert sein: „man verlangt es nicht." Und dem ist es auch so. Die Engländer im Allgemeinen sind religiös, bewahren die Schale und wissen, daß es einen Kern dahinter giebt. Doch den Kern zu untersuchen, zu sehen, wie er eigentlich beschaffen ist, und das, was sie besitzen, ich meine das reine Judenthum, wirklich zu erkennen, damit befassen sie sich nicht, und das lassen sie mit Ausnahme einiger Wenigen gänzlich hingestellt sein. Dies würde den nicht befremden, der den englischen Nationalcharakter kennt, welcher, wenn er gleich nicht ganz in den Israeliten gesucht werden darf, dennoch seinen Ein-