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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-02-20 · Heft 8 (20.2.1841) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 8 (20.2.1841)
Date
1841-02-20
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 worden, daß es unter den Juden Konstantinopel's noch nie einen Irren gegeben. Die Juden Konstantinopel's stehen im Ruse der Ehrlichkeit, und findet man sie bei näherm Umgange stets darin bewährt, wenigstens im Vergleiche mit Griechen und Armeniern. In einem bekannten Sprüchwort, welches Ehrlichkeitspatente austheilt, erhalten von diesen drei Nationen ein solches die Juden zuerst, alsdann die Armenier und ganz zuletzt die Griechen. — Zum Militair sollten sie Mannschaft stellen, und die Juden waren bereit, allein die Griechen und Armenier haben es noch hintertrieben. Sollte es dahin kommen, daß Letztere zugezogen werden, so hat sich der Chacham Baschi für Stellung von 3000 Juden verpflichtet. Konstantinopel. (Dritter Brief.) Habe ich Ihnen in meinem vorigen Briefe die bürgerliche Stellung der hiesigen Juden deutlich zu machen gesucht, lassen Sie uns heute die religiösen Verhältnisse betrachten, und in die Familie eintreten. Wie in jedem Stadtviertel, außer den drei genannten, eine besondere Gemeinde besteht, so hat diese auch eine Hauptsynagoge, um die aber herum eine Menge Nebensynagogen liegt, wie auch ein jeder reiche Kaufherr in seinem Hause eine Privatsynagoge hat. Bei jeder ist ein Chacham angestellt, der aber bei den Privatsynagogen zugleich zum Diener des Besitzers herabsinkt. Ueberhaupt ist dieser Stand sehr zahlreich, die ausgezeichneteren Individuen stehen in unbegränzter Achtung, die gewöhnlichen in sehr geringem. In der Synagoge lausen die Bänke nicht parallel mit der Morgenseite, sondern immer um die Tribüne herum, und nach der Mitte zugewandt. Aus der Tribüne befindet sich auch das Lesepult des Worbeters. Was nun den Gottesdienst der hiesigen Juden überhaupt auszeichnet, ist erstens, daß sie die langweiligen Piutim gar nicht, zweitens dafür sehr inbrünstige, erhebende Gebete haben, drittens daß aller Singsang entfernt ist, sondern viertens die Gebete Wort für Wort, langsam, deutlich, in richtigster Leseweise gesprochen werden. Der Vorsänger hebt an, die Gemeinde folgt ihm, und dies stets in so gemessnem Tempo, daß Niemand mit einem halben Worte zu spät oder zu früh endigt. Ich muß gestehen, daß ich mich an ihrem Gottesdienste sehr erbaue, und mit Grauen an unsre deutschen Synagogen zurückdenke. Ein vorzüglich feierlicher Akt ist die Hagbaha, die vor der Vorlesung, nicht nachher statt findet: die ganze Gemeinde erhebt von ihren Sitzen aus stehend die Hand nach dem Seser hin, und küßt die miterhobenen Zizit. Wir können darin noch Vieles von ihnen lernen, doch genüge dies, da das Detail des spanischen Gottesdienstes bekannt ist. Neben jeder Synagoge befindet sich eine Schule. Einen eigenthümlichern Anblick als ein solches Schulzimmer bietet, kann man sich nicht schaffen. In einem völlig leeren, weißen Zimmer sitzt am Ende der Präceptor mit untergeschlagenen Beinen und dem Schulzepter in der Hand auf einem Wollsack, und kn einem Kreise hocken 50—60 Kinder auf der bloßen Erde auf ihren Beinchen. Sie lernen — hebräisch lesen, und weiter nichts. Aber das muß man gestehen, dies mit vorzüglicheroK rrektheit, Präcision und fast deklamatorischem, jedenfalls richtigem Ausdruck. Diese Schule besucht der Knabe bis zumachten Jahre. Aus ihr tritt er entweder in's gewerbliche Leben, und treibt von da ab — Geschäfte, oder er tritt in das Bet hamidrasch, um Chacham zu werden. Dies ist allerdings leichter, als bei uns, denn die Spanier haben keinen Pilpul, überhaupt weniger als wir, sie nehmen die großen Kommentatoren des Talmuds Wort für Wort, trocken wie sie da stehen, jedoch treiben sie mehr In der heiligen Sprache werden sie selten firm, es ist verdorben, was sie sprechen, oder vielmehr stottern, und nur die ausgezeichneteren kommen zu Fertigkeit. Abgesehen von Geistesanlagen, kömmt es nun für die, welche dem Chachamstand sich widmen, darauf an, ob sie Mittel genug haben oder erschwingen können, sich eine geraume Zeir hindurch selbstständig zu erhalten, oder nicht. Muß der Kandidat bald eine jener kleinern Chachamstellen annehmen, so ist er verloren, und erhebt sich nie über diese Sphäre. Weiß er sich aber durch eigene Mittel, durch Unterricht oder sonst unabhängig zu erhalten, bis er in den Ruf der GelehrsgWkeit und Frömmigkeit gekommen, so daß er in das Synedrium des Chacham Baschi Eintritt findet, so ist er geborgen. — Rechnen Sie nun hinzu, daß allerdings die reicheren Familien ihren Kindern durch einen Chacham Privatunterricht ertheilen lassen, so sind sie mit der Erziehung der Masse fertig. Auf dieses Grundübel der

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