Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1841)
- Date
- 1841-02-20
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 Die 60,000 Juden Konstantinopel's sind theils Handwerker, Handwerker aller Art, und die Bedürfnisse der Juden selbst werden nur von. Juden beschafft, Maurer, Zimmerer, Schmiede, Bäcker ff. Einige Gewerke, wie Diamant-, Glasschleifen, werden nur von Juden betrieben. Theils sind sie Makler, insonders der christlichen Kaufleute, und zwar die geschicktesten, gewandtesten Makler, ohne die der christliche Kaufmann kein Geschäft zu Stande bringt. Außerdem Viktualienhändler, Händler aller Art ff. Die Juden müssen blaue Schuhe tragen, wie die Griechen schwarze, die Armenier rothe, bte Türken allein gelbe. Früher trugen sie Kalpaks mit einem Loch oben, das ausgefüttert, und nur die Chacham's eine eigene Mütze, in der Form unsrer Hüte, aber mit einem Bund in der Mitte. Da aber jene Kalpaks sehr theuer sind, so haben die Nicht-Chacham's nach und nach jene Judenmützen sich anzueignen gesucht, und jetzt trägt sie Jedermann, doch sieht man jetzt ebenso oft den Feß bei ihnen. Sie sind ferner angewiesen dunkle Gewänder zu tragen. Eine abstoßende Erscheinung auf der Straße bilden die jüdischen Frauen, ihre Kleidung die unpassendste, am wenigsten kleidsam, sie schlüifen in ihren Pantoffeln einher, mit lautem Geschwätz, in ihrem Jargon. Denn der Jude spricht noch jetzt ein höchst verdorbenes Spanisch mit unzähligen Brocken anderer Sprachen, namentlich der heiligen Sprache, vermischt. Sämmtliche Juden Konstantinopel's stehen unter einem Chacham Baschi, den die Juden zum Unterschiede von den untergeordneten Chacham's Chacham hakollel nennen. Derselbe repräsentirt die Gemeinde bei der hohen Pforte, zieht den Haradsch ein, und übt die Gerichtsbarkeit bis auf Leben und Tod, in religiösen und bürgerlichen Dingen zwischen Juden, doch wenden sich auch die Christen in Rechtssachen mit Juden am liebsten an ihn, da er seit Jahrhunderten im Ruse der Unparteilichkeit gegen seine Glaubensgenossen steht; sein Ausspruch ist unumstößlich, Bastonnade ertheilt er nach Gutdünken. Ihm sind von der Pforte zwei Gensd'armen, Karaffen, zugegeben, um seinen Willen auszuführen, und kann er immer noch mehr Hülfe in Anspruch nehmen. Er ist Pfortenbeamter, hat den amtlichen Orden, und wird von der Pforte den Patriarchen der anderen Raja's ganz gleich gestellt, ja wenss diese zu Hofe gezogen werden, hat er den Vorrang vor, den christlichen Patriarchen, und erhält die erste Pfeife. Wer den Orient kennt, weiß, was dies zu bedeuten hat. Ihm sitzt ein Synedrium von Chacham's zur Seite, die jedoch nur berathende Stimmen haben. Man muß sich nun durchaus nicht vorstellen, daß der Chacham Baschi der gelehrteste, frömmste Chacham ist. Wenn ein Chacham Baschi ernannt werden soll, so gehen die Vorsteher sämmtlicher Gemeinden — denn die Juden eines Stadtviertels bilden eine besondere Gemeinde — zusammen und wählen, die Wahl wird von der hohen Pforte gemeinhin bestätigt. Denn da die anderen Raja's von politischem Einfluß sind, so geschehen bei der Wahl ihrer Patriarchen mancherlei Kabalen und Jntriguen, namentlich von den Gesandten der fremden Mächte. Der Chacham Baschi aber ist politisch die unwichtigste Person, wer kümmert sich daher darum, wer es werde? Die Vorsteher wählen aber immer einen Mann, von dem sie glauben, daß er sich von ihnen leiten lassen werde, sie verlangen sogar eine Zusicherung hierüber von ihm. Auch kommen sie, wenn er im Laufe der Zeit ihren Interessen zu sehr widerspricht, aus tausend Gründen um Absetzung bei der Pforte ein, und erwirken sie bisweilen. Einen wirklich hochstehenden Bal tora aber fürchten sie viel zu viel, insonders seinen Fluch, als daß sie ihm nur eine solche Frage und Zumuthung zu stellen wagen? Deshalb, wie gesagt, wählen sie durchaus nicht den durch Gelehrsamkeit würdigsten. Der Chacham Baschi erhält einen sehr geringen Gehalt ca. 2000 Piaster, aber bedeutende Geschenke. Er legt in den Bann, und erlöst daraus. Mit Entscheidungen über Schchita ff. giebt er sich nicht ab, Trauungen ff. versieht er durchaus nicht, wie gesagt, die Jurisdiktion und politischen Verhältnisse sind sein Gebiet, und auf diesem herrscht er unbeschränkt. Wehe dem Juden, der sich einer religiösen Observanz entzöge, die Bastonnade ist ihm gewiß! Die Juden Konstantinopel's sind nicht reich zu nennen. Neben einigen reichen Individuen viel Mittelstand und viel Armuth. Doch giebt es keine besonderen Armenanstalten. Die einzige ist ein Hospital für Pestkranke in nicht besonderer Beschaffenheit, eine Abtheilung darin ist für Irre, für die im Orient überall abergläubisch gesorgt wird, allein es ist notorisch, daß diese noch nie von einem Juden besucht