Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1841)
- Date
- 1841-02-13
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Oesterreich. Groß-Wardein, 17. Januar. (Privatmitth.) Ueberall im Vaterlande brechen schon die Früchte der neuern Bildung, des humanern Umgangs, besonders aber der, durch die öffentlichen Blätter ans Licht beförderten nützlichen und segensreichen Erörterungen hervor. Auch bis zu uns, an die siebenbürger Grenze, die wir so entfernt vom Fokus der neuern Umschmelzung wohnen, sind einige Strahlen der gewaltigen Sonne gedrungen, die das deutsche Judenthum nach einer langanhaltenden Gährung, nach Zersetzung und Absonderung heterogener Stoffe zu seinen eigentlichen Bcstandtheilen zurückführt. Schon fühlt man lebhaft überall neue Bedürfnisse, neue Forderungen stellt man, das Veraltete sucht man zu vergessen, und nur die Furcht, unbewußt auch den Kern zu zerstören, veranlaßt und unterhält noch den Kampf gegen die Ideen der Zeit. — Die hiesige israelitische Gemeinde besteht aus beinahe 300 Familien, welche größtentheils der Mittelklasse angehören. Bis auf den verflossenen Landtag war sie auf einen kleinen unansehnlichen Theil der Stadt beschrankt. Sie besitzt eine schöne Synagoge, geräumige Wohnungen für Beamten, ein Spital, Wadehaus und bedeutende Revenuen. Der Rabbine, der zugleich allen Glaubensgenossen der Bibarer Gespannschast vorgesetzt war, ist vor zwei Jahren, bei vorgerücktem Alter gestorben. So lange er gelebt, wiewol er streng dem Alten gehuldigt, und vom profanen gar keine Kunde hatte, hielt doch sein Ansehen und sein humanes und tolerantes Betragen alle Leidenschaften beschwichtigt, und sic kamen nie zum Ausbruche. Nun man aber an eine neue Wahl gedacht, und bei der Wichtigkeit und Einträglichkeit der Stelle viele Bewerber sich persönlich eingesunden, andere ihre Visitenkarten eingeschickt haben, theilte sich die Gemeinde in Parteien. Die Zauberworte „er hat studirt, er kann predigen," reichen schon hin, um bei dem Pöbel auch dem Unberufensten eine große Anzahl Stimmen zu sichern. Andere hingegen, vom brennendsten Eifer für Jsrael's theures Erbtheil begeistert, wünschen in der schweren Zeit eine Schutzwehr gegen alle religiösen Veränderungen: einen Mann, der absolut nur Talmudist und Jude sein soll; denn wenn auch (nach ihrer Meinung,) Wissenschaftlichkeit eine Perle von hohem Werthe sei, die auch einen Kandia, Eibeschütz geschmückt habe, so fehlt es doch an solchen Niesengeistern, die den süßen Einflüsterungen dieser Schlangen Widerstand entgegensetzen könnten, und soviel Feuerglauben damit vereinigen, um den Krebsschaden der Zeit zu heilen. Die Beispiele, wie die anderen Gemeinden, wo die eine oder die andere Partei überwiegend war, und die nun sämmtlich sich in ihren Erwartungen betrogen finden, machen die Verständigen besonnen und vorsichtig, daher die Stelle wahrscheinlich lange vakant bleiben wird. Wie Sie sehen, rührt alle Uneinigkeit von der Einseitigkeit der Kandidaten her, die stets auf die Wirksamkeit eines Theiles bauen, oder, was noch häufiger geschieht, unter keinem Gesichtspunkte befähigt, appelliren sie gewöhnlich an die hervorragende Gesinnung, mit den diese charakterisirenden Zeichen. — Freilich wäre diesem Grundübel der ungarischen Gemeinden, in welchen größtentheils wenige, oder gar keine Sachverständigen zu finden sind, und wo Jünglinge nach den Anforderungen der Zeit sich vorzubereiten noch weniger Gelegenheit haben, durch Konkursausschreiben in dieser Zeitung zum Theile abgeholfen, denn in Deutschland hat man doch gewußt, beide Endpunkte zu vereinigen, von Deutschland kam das neue Licht für uns, und von dort aus noch immer die nöthige Nahrung; aber noch ist dieses Mittel zu unbekannt, und wird auch, wenn es angetragen wird, von Vielen, die ihre Interessen dadurch gefährdet sehen, hintertrieben. Aber jedenfalls mache ich die deutschen Kandidaten des Rabbinats aufmerksam auf dieses Land, wo, nebst anständiger Besoldung, guter Wille und Thatkraft stark geschätzt werden, und bei großem Wirkungskreis man wenig. Hemmungen von Andersglaubcnden zu bekämpfen hat. Inländische Konkurrenz ist für jetzt nicht zu fürchten. — Die öffentliche und private Erziehung ist hier gänzlich vernachlässigt, und man kann sagen, man erzieht hier gar nicht. An Versuchen hat es auch nicht gefehlt, Schulen zu organisiren; doch waren sie nie von Bestand; sie scheiterten gewöhnlich an der geringen Theilnahme, denn bis jetzt war Häutehandeln und Branntweinbrennen viel einträglicher als Wissenschaft, in einer Zeit, wo der Jude bei seiner Armuth nur auf das Einträgliche denken mochte, und jeder Vater strebte, seinen Sohn diese edlen Künste zu lehren, und seine Tochter einem sol-