Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-02-06 · Heft 6 (6.2.1841) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 6 (6.2.1841)
Date
1841-02-06
Page
Seite 74 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225173-3225180--03310-3312837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

74 durch Bastonnade ermordeten Laniado, so wie das Benehmen des französischen Konsuls gegen diese respektablen und mehrere andere Frauen, welches dem europäischen Namen eben nicht zur. Ehre gereicht. Daß hier das Maaß nur zu häufig überschritten wurde, läßt sich bei der allgemeinen leidenschaftlichen Aufregung leicht ermessen; daß aber die europäische Macht, welcher Gewissenhaftigkeit in Folge ihres Protektoramtes der Terra santa erste Pflicht gewesen, die Herstellung des wahren Thatbestandes zu Hintertreiben suchte, kann uns Europäern durchaus nicht gleichgültig sein. Herr Cochelet, der französische General-Konsul in Alexandrien, verweigerte geradezu seine Theilnahme an der vom österreichischen General- Konsul Laurin beantragten gründlichen Untersuchung, um welche die europäischen Konsuln gemeinschaftlich den Pascha von Aegypten angehen wollten. Den Bemühungen des rechtschaffenen und unerschrockenen Merlato gelang es indessen, den Peirschenhicben und Torturen Einhalt zu thun, und die Befreiung mehrerer Angeklagten zu bewirken,.deren Unschuld durch die öffentliche Stimme am meisten bezeichnet war. So blieben am.Ende nur noch die Brüder Arrari, der muthvolle Muss« Salonichi und der unglückliche Renegat Abulafin von den Juden, die des Mcrdes des Pater Thomas beschuldigt waren in Hast. Unter den angeblichen Mördern des Dieners konnten allein die Brüder Farhi sich nicht durch Flucht ihrer Gefangenschaft entziehen. Herr von Picciotto aber, der sich persönlich so muthig gegen den französischen Konsul gestellt hatte, befand sich fortwährend im österreichischen Konsulargebäude unter Schutz und Aufsicht. Die Unschuld der Hebräer war in Damaskus von allen rechtlichgesinnten unbefangenen Einwohnern anerkannt, als ich diese Stadt verließ, nur der französische Consul beharrte in Anklage und Verfolgung. So groß übrigens die Gährung daselbst über diesen Vorfall war, so hielt ich ihn doch meistens mehr örtlichen Interesses, und war nicht wenig erstaunt, ihn bei meiner Rückkehr nach Europa, und zum erstenmale in französischen und englischen Journalen die mir in Lissabon zu Gesicht kamen, ausführlich, aber auch größtentheils entstellt und einseitig besprochen zu finden. Indessen lag hierin ein neuer Triumph der Oeffentlichkeit, mnd die Wahrheit mußte auf diesem Wege durchdringen. Zwar waren die zu Tod Gemarterten nicht mehr zum Leben zu bringen, und die unzähligen Leiden und Mißhandlungen, welche über die armen Juden verhängt worden, konnten nicht ungeschehen gemacht werden; allein der ganze scheußliche Prozeß wurde plötzlich durch Machtwort des Pascha's niedergeschlagen, und alle noch in den Gefängnissen befindlichen Juden auf freien Fuß gesetzt. Welche Unmenschlichkeiten sich in den acht Monaten zusammendrängten, während welchen diese ächt türkische Untersuchung dauerte, wird niemals ganz bekannt werden. Erröthen müssen wir aber bei dem Gedanken, daß Europäer sie begünstigen, sie hcrvorriefen, und sie selbst zu steigern suchten. Es ist bekannt, daß der französische Einfluß auf Mehemed Ali bis zur Stunde der mächtigste ist; es ist eben so notorisch, daß das französische Ministerium das Benehmen seines Konsuls in Damaskus niemals ganz mißbilligte, sondern die Judenverfolgung sanktionirte; es läßt sich daher kein besserer Grund für die faktische Anerkennung ihrer Unschuld finden, als ihre Freisprechung durch den Pascha, der gerade jetzt Gründe genug hatte, eher fünfzehn armen Juden die Köpfe abzuschlagen, als seinen europäischen Protektor in üble Laune zu versetzen. — Es wird auch unfern Lesern angenehm sein, einiges Nähere über das Haus des im vorstehenden Berichte erwähnten milangeklagten und verfolgten Picciotto, welches Herr v. H. besuchte, zu vernehmen. Derselbe spricht von den schönen Damen zu Damaskus. „Alle auch, denen ich vorgestellt wurde, darf ich schön nennen, denn meine Freunde hatten es sich zur Ausgabe gemacht, mir nur das Vorzüglichste zu zeigen, allein eine unter ihnen rechne ich unter die seltensten Erscheinungen, die man nicht wieder vergißt, und welche unter den sie umgebenden Schreckensbildern doppeltes Interesse einflößen mußte. Es ist eine Jüdin und Gattin des unglücklichen Picciotto, den ein so grausamer Verdacht gegenwärtig von ihr ferne hielt. Als wir in das Judenquartier traten, fanden wir Trauer und Verzweiflung auf allen Gesichtern, und in dem Hause des Angeklagten selbst eine trübe, aber vertrauensvolle Stimmung, die nur aus der Zuversicht eines guten Gewissens entspringen kann. Mutter und Tochter empfingen mich mit der Würde unverschuldeten Unglücks, und erzählten mir die Leiden und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.