Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1841)
- Date
- 1841-01-30
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
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62 ohne Wortverständniß und Kombination, oder wenn das Kind schon in Jahren vorgerückt ist, ihm recht viele Talmud-Kommentare, Poskim und des Lehrers eignen Jargon, beigebracht hat. Fühlt sich aber der hiesige jüdische Hausvater nicht bei Kräften genug, einen hebräischen Hauslehrer zu halten, um „ein wachsames Auge auf sein Kind zu haben," so schickt er es in eins der Chedarim — deren es hier bis 106 giebt — wo sein Verstand durch die Einschärfungen der subtilsten Dinge, eine so schräge Richtung nimmt, daß außer dem auf jedem Sabbat erlernten Mischmasch, es nichts in der Welt zu unterscheiden versteht. So wächst das Kind hier ohne echten moralischen Sinn und wiffenschaftliche Bildung, bis zu der Periode des Verheirathens — von 16 bis 18 Jahren' auf, wo die Eltern es für mehr oder weniger einem Schwiegervater übergeben oder vielmehr verkaufen — bei dem es wieder, indem es Kost und Alles, folglich keine Haussorgen, hat, talmudistische Weisheit fleißig betreibt, die er dennoch weiterhin aufgeben muß, wenn er sich ohne Nahrungszweig von einer Familie umgeben sieht, für die er doch einmal zu sorgen gcnöthigt ist; und da muß entweder — wenn bei dem Manne die Vorliebe für talmudistische Grübeleien, über die Sorge für den Unterhalt seiner Familie den Sieg davon trägt — die Frau ihm auf armselige Art das Fortkommen verschaffen, oder er sängt — im Falle daß die Pflicht der Ernährung seines Hauses ihm mehr eingeleuchtet habe, so in die Welt hineinzuhandeln an, und schwankt von einem Geschäfte zum andern, deren Wendung er ganz dem Schicksale überlassen muß, da ihm völlig Sachkenntniß fehlt. Bei all dem erblickt das forschende Auge in der hiesigen israelitischen Jugend einen mächtigen Hang zum Wissen; und Viele halten auch neben dem hebräischen Lehrer einen Mailre für ihre Kinder; aber man beschränkt doch nur die profanen Lehren auf die Zwischenzeiten des Tages, läßt mehr des künftigen Vortheils als der Wissenschaft wegen, das Kind den außerrabbinischen Unterricht genießen. Die Anlagen der hiesigen jüdischen Jünglinge hätten bei guter und vernünftiger Pflege viel zu leisten versprochen, aber so — von einander abgesondert, ermangelnd aller gegenseitigen Mitrheilung, die eine öffentliche Schule an die Hand bietet, ist es kein Wunder, daß sie in einen anmaßlichen Eigendünkel verfallen, und daß in ihrem häuslichen Unterricht alles so schläfrig von Statten geht, daß sie es nicht über die Gram« matik und das Lesen einer Erzählung hinausbrin» gen, kein Wunder also, daß außer einigen elenden hebräischen Versuchen im poetischen Fache, sich in der Mitte der neuen jüdischen Generation nichts mehr darbietet, als verkehrte talmudistische Diskus» sionen und Controversen! So steht'S mit uns, eine leider allzu prosaische Wahrheit! gebe Gott, daß mich jemand der Lüge oder der Uebertreibung zeihen könnte! Wer würde nun unter solchen Verhälrnissen eine Verbesserung des Kultus verlangen? Obwol es hier sieben bedeutende Synagogen — worunter die anstoßenden Winkelsynagogcn nicht begriffen sind — zwischen denen „die alte Synagoge" durch Geräumigkeit und Anordnung der dazu gehörigen Frauen» synagogen sich besonders auszcichnet, 3 sogenannte Bäte Medraschim, worin die Hälfte unserer Jugend, deren Eltern nicht fähig sind, einen Lehrer zu zahlen, ihre Tage und Nächte mit Rauchen und Beschwatzen der albernsten Sachen verstreichen läßt, eine Menge Korporationen (Ehewrot) — fast jeder Handwerksstand hat hier sein besonderes Bethaus, sogar Trödler, Mäkler und Ladendiener haben jede hier ihre besonderen Korporationen, eine sonderbare Eigenthümlichkeit, die nur einer Zerrissenheit der Zustände entspringen konnte — zwei chassidische Bethäuscr, eine Gemeinde-Schule (Talmud - Tora) — der ich unter die Rubrik der Synagogen einen Platz cingeräumt, weil sie alles enrbehrt, was eine Unterrichtsanstalr ausmacht, und der übrigens die Schilderung eines Korrespondenten dieser Zeitung von der Gemeinde-Schule von Lemberg (in No. 1. des Jahrgangs 1846) völlig entspricht, giebt; so sieht sich doch der fühlende Israelit umsonst nach einer ansprechend-erbaulichen Ordnung um: alles geht da den uralten Schlendrian, und leicht kann die Auslassung eines Jota aus den Jozerot irgend eines Sonnabends, alles zum Aufruhr bringen; alles wird da so steif und pünktlich hergesagt, alles mit einem bewußtlosen Mechanismus, ohne Spur von wahrer Andacht ausgeübt. Jedoch ich lasse das' dahingestellt: dahingestellt für eine reifere Zeit und bessere Umstände, getrost^würde ich es dahingestellt sein lassen, wenn ich zwischen meinen hiesigen Glaubensgenossen eine rege Thatigkeit zu einer Abhelfung ihrer