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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-01-30 · Heft 5 (30.1.1841) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 5 (30.1.1841)
Date
1841-01-30
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 gezeigt wird, deren Schrift, Papier, Inhalt, ja selbst der Einband mit jener übereinstimmen. Herr Salomon Delmare, ein Jude aus Livorno, der ein halbes Jahrhundert in Kairo wohnt, erzählte mir als Augenzeuge folgenden sonderbaren Vorfall mit jener Bibel. Nach der Schlacht bei den Pyramiden nahmen bekanntlich die Franzosen von Kairo Besitz. Die Gelehrten, die sich aus. wissenschaftlichem Zwecke bei der Expedition befanden, untersuchten sogleich alle Winkel der Stadt, um auf Monumente zu stoßen, oder auf sonstige Alterthümer, um damit das Museum in Paris zu bereichern; aber von letzteren wollte sich fast gar nichts darbieten. Man erfuhr von dieser Bibel, und war so sehr dafür eingenommen, daß der General Bonaparte sich entschloß, die Synagoge zu besuchen. Man bot vergebens den Juden eine enorme Geldsumme an, sogar eine neue Synagoge zu bauen, und ihre bürgerliche Stellung zu verbessern, aber umsonst. Der Rabbine erwiederte: „Sie sind Herr des Nils und des ganzen Landes Mizraim, haben Macht, uns diese Bibel mit Gewalt zu nehmen, gegen Lausch überlassen wir sie nicht." Die Juden blieben nicht allein im Besitz der Bibel, sondern auch in ihrem früheren Zustand. In politischer Beziehung zahlen sie eine kolossale Vermögenssteuer dem Pascha, der sie nach Belieben erhöht und herabsetzt. Gegen Geldvergütung sind sie frei von Konscription, besitzen ihre eignen Richter, selbst eine Art von Appellhof; doch bedürfen Lodesurtheile der Bestätigung des Paschas. Vergehen gegen die Religion bestrafen nicht selten sehr hart die Rabbinen. Ein weit höheres Interesse bietet die zweite Klasse von etwa 600 Seelen, Karaim oder Karaiten, welche Sekte sich im ganzen Oriente bis gegen die Krimm ausdehnt. Ihre Hauptzahl befindet sich in Salonichi, der Hauptstadt von Macedonien, wo unter 30,000 Juden 12,000 Karaiten sich befinden. Sie glauben nur fest an den Buchstaben der mosaischen Schrift, spötteln über, die Kommentare, die man ihr gegeben; der Talmud ist ihnen ganz unbekannt. Man irrt aber sehr, wenn man glaubt, daß sie besser daran sind. So brennen sie z. B. am Sabbat weder Feuer noch Licht, haben andere Beschneidung, andere Ceremonien bei Verehelichung u. dgl. Das Hauptschisma bildet aber, daß sie mit der Zeitrechnung nicht einig gehen, und außer dem Sabbat keinen Festtag zugleich mit den andern feiern. Von Ehen zwischen arabischen und karaitischen Juden hat man kein Beispiel. In Kairo bewohnen die Karaiten ein eignes Quartier und sind bei den Arabern als gute Goldarbeiter geschätzt. Da beim Eintritt in ihre Synagoge man die Schuhe ausziehen muß, und auch die Teppiche und Beleuchtung denen in den Moscheen ähnlich sind, so vermuthete ich hier Nachahmungssucht. Ihr Vorgesetzter nahm diese Bemerkung sehr übel auf, und erwiederte, daß, als Moses auf Sinai die Tafeln erhielt, der Ewige ihm zugerufen habe: „Moses, ziehe deine Schuhe aus, denn die Stelle, wo du stehst, ist heilig." Die Gebetbücher der Karaiten sind hebräisch geschrieben, wie überhaupt Gutenbergs Erfindung im ganzen Oriente wenig Fortschritte macht. Ueber die dritte Klasse läßt sich wenig sagen. Sie besteht aus etwa vierzig italienischen Familien, die mitunter lange Zeit in Kairo wohnen. Ihre europäische Kleidung und die große Begünstigung, die sie genießen, stellt sie so hoch, daß sie mit einiger Geringschätzung auf die Unterthanen Mehmed-Ali's herabblicken können. Wie alle Franken im Orient geben sie keine Steuern, wissen nichts von Konscription noch Nationalgardendienst, treiben jeden Handel, der ihnen beliebt, und finden eine unparteiische Justiz bei ihrem Konsul. Schon dieUnkenntniß der arabischen Sprache trennt sie förmlich von ihren Glaubensgenossen. Beim italienischen Theater in Kairo, wo es nicht selten an Künstlern gebricht, sind mehrere von ihnen gute Lückenbüßer. Merkwürdig ist, 'daß weder Christen noch Juden bis heute ein ordentliches Haus in Kairo errichtet haben; die Gelder sind dadurch manchmal so selten, daß guter Disconto mit 30 bis 36 Procent pr. Jahr begeben wird. Auf ähnliche Art fand ich den Zustand der Israeliten in Kleinasien, Konstantinopel und Algier. Was man auch dagegen sagen mag, in ihrer Art befinden sie sich behaglich unter den Türken. Beide kennen nur das Bedürfniß der Liebe, die sie im Zirkel ihrer Familie zu finden glauben, und der Religion, die ihnen in jeder mißlichen Lage Trost gewährt. Ob wir sie bedauern sollen, daß unsere Moden, Luxus und Theater noch nicht bei ihnen Eingang gefunden haben, oder beneiden, daß sie unfern Ehrgeiz, Geld - und Gelehrten-Stolz

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