Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1841)
- Date
- 1841-01-23
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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43 seit Jahren schon ausgeübt, und wahrlich! das Herz eines nur einigermaßen denkenden Menschen empört sich beim Anblick solcher Polizeibeamten, die an jeder zur Stadt führenden Brücke aufgestellt sind, und jedem Juden den Zutritt mit Stockhieben verweigern. Die hämische Bosheit hat es hier so weit getrieben, daß den Juden in der Abendzeit des Sommers — wenn zwischen aufgeblasenen Stutzern auch zerlumpte Bettler und niederes Gesindel sich ergehen — nicht einmal vergönnt ist, die öffentlichen Spaziergänge zu besuchen; und es jammert Einen in der Seele, einen Israeliten, im Fall daß ihn sein Weg durch eine Allee führt, einen Nebenweg einschlagen zu sehen, um den Menschenfeinden, sich wol bewußt, daß er ihnen ein Stachel im Auge sei"), und den Hieben der Gerichtsdiener zu entgehen. So ist es uns nicht vergönnt, die uämliche Lust mit den hiesigen Christen zu athmen, und der größte polnische König genirte sich wol nicht, ein jüdisches Mädchen (Esterka) öffentlich für seine Gemahlin zu erklären; heute aber, in der großsprecherischen Zeit der Humanität, hat manhier ein treues Bild von den Judenverfolgungen im Mittelalter in den hellsten Farben; die vielbesprochene Toleranz, die man an manchen Orten schon wenigstens als Kind der Mode aufnimmt, genießt hier nicht des mindesten Schutzes. Sogar voi^ den öffentlichen Gebäuden und Museen, zu deren Verbesserung und Verschönerung man nie an die Kontribution der Israeliten vergißt, jagt man sie schändlicherweise zurück. So hatte man die Unverschämtheit, am Eingänge zum botanischen Garten auf eine Tafel setzen zu lassen: „Juden und Hunden ist der Zutritt verboten." Und das alles, weil sie ihren Kleidern den französischen Schnitt nicht geben, das all.es, weil sie solche Kleider tragen, die einst die Vorfahren der jetzigen Polen selbst getragen haben""), und deren sich die, die auf ihre Nationalität stolz sind, so gewaltig schämen. Aber wer soll das in gehörigem Maaße fühlend die Juden selbst? Ach! das Unglück hat manchen Bedrückten das Herz schon fühllos gemacht, und schon Viele halten, an ihr Loos gewöhnt, das für gebührend, was höchst empörend ist. Etwa derRabbine? Auch der ist nicht mehr! Wir hatten einst Einen gehabt, doch der ist nach einer bessern Welt hinübergeschlummert. Wir verloren in unserm letzten seligen Rabbinen einen Mann, der für ganz andere Gesinnungen, als die in der hiesigen Gemeinde heimischen, wol passen mochte: er nahm einen warmen Antheil an allen Veränderungen unsres kleinen Staates, und wußte auf eine, selbst den Christen Achtung einflößende, würdevolle Weise bei der hohen Behörde allem Schädlichen bald in der Frühe vorzubeugen; die hiesigen Israeliten wußten eigentlich nicht, was sie in seinem Verluste zu bedauern hatten. Aber der heutige Rabbine, ein junger, durch sein enormes Vermögen und ausgedehnte Geschäfte weit und breit in Renomme stehender Mann, suchte in seinem eifrigen Bestreben, an der Spitze der Gemeinde zu stehen, nichts mehr als mit seinem Banquierauch den Rabbinen-Titel zu vereinen, und außer der Kourse auf den Börsen, bekümmert er sich um nichts, und mögen noch ärgere Bedrückungen über uns verhängt werden, obwol er in äußerst guten Verhältnissen mit dem jetzigen Präsidenten, in dessen Händen so viel zur Verbesserung unsres Schicksals liegt, steht. Dazu kommen noch die beständigen Zwistigkeiten, die zwischen dem Rabbinen Herrn B. Meisels und einem andern Bewerber, Herrn Saul Landau, früher Kaufmann, der aber neben vielseitigen talmudistischen und kabbalistischen Kenntnissen auch ein streng religiöses Gefühl besitzt, und der sich bestreben wollte, hier die Fahne des Chassidismus aufzupflanzcn seit dem Tode des seligen Rabbinen lsast v Jahren) vorherrschen. Ohne mich *) So hörte ich einst zu meinem größten Aergerniß einen unwissenden Eleganten, im Parterre des hiesigen Theaters sich folgendermaßen äußern: „Es wäre wol billig, eine Bitte einzureichen, dem Judengesindel auch den Zutritt zum Theater zu versperren." Aber hierbei hat doch der Eigennutz auch ein Wörtchen« zu sprechen! C o r r e sp. **) Nicht ganz authentische Quellen überliefern uns, j daß bei der Anfrage der Juden wegen der Erlaubniß zur Einwandrung ihnen der damalige König von Polen zur j Bedingung machte, sich gleich mit den übrigen Unter-; thanen zu tragen, und da sie hiermit einverstanden waj ren, gestattete er ihnen auch den Eintritt. Ein offcnba-! rer Beweis seines Wunsches, die Juden den Seinigen i gleich zu steilen! Es wird übrigens dieser Behauptung! mehr Notiz in meiner bereits angeführten „Geschichte der.! Juden in Polen" gethan. Corresp.