Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1841)
- Date
- 1841-01-23
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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42 Sorgfalt zu pflegen. Ein solches Verfahren könnte leicht unfern ausländischen Glaubensgenossen, die mit Recht jegliches Stillschweigen entweder für behagliches Wohlsein mit selbstsüchtigem Eigennutze, der lieber die Leute von sich nichts reden läßt, oder für die tiefste Gleichgültigkeit ansehen müssen, von uns eine weit bessere oder schlimmere Meinung geben, als es in der traurigen Wirklichkeit mit der Lage der Dinge besteht. Aber außer solchem Schweigen des Wohlbehagens und der Gleichgültigkeit giebt es auch ein Schweigen des äußersten Schmerzes, dessen Ausdruck den Grad des Weh's nicht erreichen würde; ein Schweigen des Unmuths und des Ueberdrusses — das schlimmste Schweigen, weil es das einzige, noch übrige Rettungsmittel hartnäckig von sich stößt. Hier also, in diesem Eentrum alles jüvischen Interesses, sei eS mir vergönnt, einige Ansichten niederzulegen, die so lange schon von mir genährt wurden: es sei mir vergönnt, dieses unpartheiischen Organs, vermittelst dessen sich schon so mancher Israelit die gepreßte Brust freier gemacht, mich dazu zu bedienen, manche Aufschlüsse über das bisher Unbekannte zu geben. Die politische Lage, in deren Verhältniß alles Herrliche und Absurde einer Nation aufschießt, als Anfang und Haupt-Augenmerk meiner Skizze zu machen, erachte ich fürs geziemendste; und da ich hier rücksichtslos zu Werke gehen kann, so wird man mir gerne einige Abschweifungen verzeihen. Die Zahl der hiesigen Juden beläuft sich etwa auf 6080 Individuen, denen zum Nahrungszweig überhaupt der Handel und die Wechselgeschäfte dienen; einen untern Nahrungszweig verschaffen sich Viele leider durch -— Schacher und Bettel. Sie wohnen ganz abgesondert von den Christen, und zwar nicht genug, daß man ihnen nicht allein einen Winkel der Stadt als Ghcto, oder vielmehr einige der elendesten Vorstädte, eingeräumt hat, sondern man hat auch dahin getrachtet, sie durch eine natürliche Grenzlinie von der eigentlichen Stadt zu trennend) man hat ihnen daher einen Wohnort *) Daß dies ein Werk erst spaterer Zeit Und Natur ist, und daß die Juden unter den erste» polnischen Königen in der eigentlichen Stadt Krakau ihren Wohnsitz hatten, davon liefert noch der Name einer christlichen Straße „Jüdische Gasse" den Beweis. Ich werde von diesem umständlicher sprechen in meiner „Geschichte der diesseits eines Armes der Weichsel, die den Kasr'mierz vom Stradom trennt, angewiesen. Außer einem Studenten, der seine Studien bereits im Gymnasio zurückgelegt, und einem praktischen Arzte, darf kein Jude jenseits wohnen, vielweniger noch ein Grundeigenthum sich ankaufen; ebenso dürfen sie weder in den schönsten Vorstädten (^rreclmiöscia i-ogut!«nve), noch in den Dörfern des ganzen freistädtischen Gebietes, Wohnungen oder Wirthshäuser nicht einmal miethen; so mußte ein jüdischer Gutsbesitzer — der durch seine Tracht und Vermögens-Umstände dies sein durfte — recht viel ausstehen, ehe er es dahin bringen konnte, einen jüdischen Wirthshäuser auf seinem eigenen Gute zu halten. Seine Waaren darf der Jude nur in seinem Stadtviertel ausbringen; und weil sie Alle — wicwol sie hauptsächlich zum hiesigen merkantilischen Flor beigetragen haben und noch beitragen — nicht zum kaufmännischen Konföderations-System gehören, so darf kein Jude sich in der Stadt mit neuen Waaren erwischen lassen, denn dann hat jeder gemeinste Ladendiener das Recht, das Amt eines Gerichlsdieners auszuüben, und nicht allein ohne Weiteres ihm die Waaren wegzunehmen, sondern der arme Jude, der wol nicht so lange warten kann, bis ein Käufer in den entlegensten Gegenden sich sehen läßt, muß noch einer polizeilichen Strafe unterliegen. Aber nicht blos wo es der Störung ihrer Geschäfte gilt, suchen die hiesigen Christen alle Mittel anzuwenden, um die Juden ihren Augen zu entziehen, selbst in ihrem allgemeinen Leben haben sie bei der Regierung auf alle mögliche Weise mit Hülfe erdichteter Lügen auszuwirken gesucht, keinen Juden am Sonntage und an ihren sonstigen Feiertagen in der Stadt zum Vorschein kommen zu lassen;") wer aber ein Haar breit von dieser Vorschrift abweicht, unterliegt einer polizeilichen Verhaftung. So wird dies abscheuliche Gesetz Juden in Polen," deren Umrisse von mir bereits vollendet sind, und zu der ich eben Materialien sammle. Corresp. *) Ich hatte selbst leider das Unglück, einer gräßlichen Scene beizuwohnen, wo man an einem Feiertage, da nämlich eine Prozession durch jene Straße den Weg nehmen sollte, selbst vom Judenquartier die Juden mit Peitschen vertrieb, und der arme Israelit seiner Hausthüre nicht einmal zueilen konnte! Corresp.