Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1840)
- Date
- 1840-12-26
- Page
- Seite 754 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225119-3225172--03211-3312739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
754 über die Zustande der Israeliten in Algier. Dieselben sind ziemlich weitschweifig und wortreich; wir ziehen das wirklich Wichtige heraus. Wir sehen hier eine unter Jahrhunderten der Despotie gesunkene Masse, an die die Zivilisation mit einem Male mit allen ihren Forderungen herantritt. Dies ist der Maßstab, mit dem man sie mißt. Hingegen hat die Civilisation noch blutwenig für sie gethan; die französische Regierung läßt Alles gehen, wie es will. Wir werden daher den Herren Johanny Pharao» und Dr. med. Goldscheider, die diesen Bericht an den Oberstlieutenant Marx Cerfberr richteten, nicht ganz folgen, sondern das Gemälde logischer zusammenstellen. Schildern wir daher vor Allem ihren Zustand vor der französischen Besitznahme. Die beengendsten und drückendsten Beschränkungen und Mißhandlungen, denen sie unter den Moslims ausgesetzt waren, waren: — Nach sechs Uhr Abends durften die Juden nicht mehr in den Straßen sich blicken lassen, ohne eine besondere Erlaubniß der höchsten Behörde, für die sie eine Kaution einstellcn mußten. Sie durften keine Laterne tragen, sondern nur eine brennende Kerze in der Hand, die der Wind bei jedem Schritte ausblies. Sie durften nur die dunkelsten Farben tragen, ihr Burnus mußte blau, ihre Mütze oder Chachya schwarz sein, keinen Turban. Keine Fußbekleidung, sondern nur kleine Schlürfen, so daß der Hacken immer auf dem Pflaster blieb. Mit einem Muselmann, welchen Standes er auch war, durften sie nur unter Bezeugungtiefer Unterwürfigkeit reden. Beim Begegnen mußten sie stets dem Muselmann den Weg rechts frei lassen. Jede Vernachlässigung dieser Vorschriften wurde mit der Bastonnade und mit Geld bestraft. Stärkere Beleidigungen wurden mit sofortigem Tode bestraft, der nach der Laune des beleidigten Muselmannes vollstreckt ward. Hingegen der Muselmann wurde nur mit einer Geldstrafe an die Regierung oder an die Eltern des Opfers belegt, die dm Namen Blutpreis führte. Die Janitscharen, die oft solche Missethaten begingen, kauften sie mit anderthalb Pfund Tabak ab, die sie in die Magazine des Staates lieferten. — Außerdem unterlagen sie einer Personalsteuer, die in der Summe von 28,000 Boudjoux monatlich, die sie wöchentlich mit einem Viertel bezahlten, bestand. Jeden Montag Abends, vor Sonnenuntergang trug das Oberhaupt der Gemeinde, den man „Judenkönig" nannte, nach der Janina oder Kasbach die Summe von 7000 Boudjoux, und lieferte sie in die Hand des Pascha, der persönlich für die Steuer einstand, und die Steuer nach dem Vermögen der Einzelnen vertheilte. So harten sie eine jährliche Last von 336,000 Boudjoux zu tragen, und dies die Juden der Stadt Algier allein, die anderen Gemeinden hatten ähnliche nach Verhältniß ihrer Seelenzahl. Trotzdem, und bei aller Antipathie aller arabischen Muselmänner gegen die Juden, haben jene zu diesen dennoch ein ungeheures Zutrauen. Da nämlich der Koran alle Zinsnehmung verbietet, und so der wahre Gläubige nur im Handel Nutzen aus seinem Gelde ziehen kann, die Meisten aber keine Lust zum Handel empfinden: so suchen sie sich einen Juden auf, dem sie ihre Fonds anvertrauen, und dafür einen Theil des Gewinns aus seinen Geschäften ziehen. Eben so zeigte sich das Vertrauen zu ihnen darin, daß sie die Schatzmeister des Dey waren, und die „Diamanten der Krone" in Verwahrung hatten; sie zahlten den Sold der regelmäßigen Truppen aus, und waren in vielen großen maurischen Häusern das Faktotum, so daß Nichts, ohne ihre Meinung zu befragen, geschah. Die Dolmetscher des Dey waren Juden, und die Staatsgeheimnisse gingen durch ihren Mund, um zu den Ohren der europäischen Konsuln und Gesandten zu gelangen. Selbst jetzt, wo noch ein gutes muselmännisches Haus besteht, ist auch ein Jude vorhanden, der die Interessen der Familie und die Verwaltung der Güter wahr nimmt. So stehen sich in den Geistern der Muselmänner die tiefste Verachtung und das ungemessenste Vertrauen' in Betreff der Juden gegenüber. Dehnen wir unfern Blick noch weiter aus, so finden wir die Juden in allen dem Islam unterworfenen Ländern zerstreut und umherirrend: sie bilden eine Nation, aber kein Volk. Eine Nation, denn sie leben nach ihren eigenthümlichen Gesetzen, verheirathen sich nur untereinander, und ihre Sitten sind dieselben geblieben, in Jerusalem, wie in Konstantinopel, in Kairo wie in Tanger, in Tunis wie in Algier; und unter dem Joche, dem sie unterworfen sind, haben sie sich untereinander vollkommen verbunden, um die traurigen Wirkungen nur etwas zu erleichtern. Daß sie hierzu nicht immer