Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1840)
- Date
- 1840-12-05
- Page
- Seite 707 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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707 Wer demnach aus dem Judenthume tritt, nicht aus Ueberzeugung von dem Glaubensbekenntnisse der Kirche, zu der er Übertritt, handelt in jedem Falle meineidig. Innerhalb jeder Kirche kann ein Jeder Glaubenssätze derselben verwerfen. Aber geht er zu einer andern über — so muß er alle die Glaubenssätze als recht erkannt haben, die diese Kirche ausstellt als die ihrigen, sonst ist er lügnerisch. Um eine allgemeinere Wirksamkeit zu gewinnen, darf nie eine unmoralische Handlung geschehen. Ware es zu entschuldigen, wenn ich meinem Nachbaren, dem G-izhals, sein Vermögen raube, weil ich damit ein Waisenhaus gründen will? Jedermann wird dies verwerfen. Die schönsten Erfolge des Waisenhauses würden die Schlechtigkeit des Raubes, dieses Verbrechens am Eigenthum, also an der ganzen Gesellschaft, nicht aufwiegen. Wie vielmehr aus dem Gebiete des Göttlichen! Jedem Menschen sind durch seine Privatverhältnisse Schranken gesetzt, die seine Wirksamkeit schwächen und umstellen. Selten ist es uns gegeben, sie ganz aus dem Wege zu räumen; nie aber dürfen wir sie niederreißcn, wenn es uns nur durch unmoralische Handlungen, durch Meineid und Lüge gestattet wäre. Soll nun der Uebertritt zu einer Kirche, wenn er nicht aus voller Ueberzeugung geschieht, eine Schranke sein, die wir nach Belieben entfernen können? Etwa, weil er so ganz in unsre Hand gegeben ist? Die neuere Zeit hat auch dieses Verhältniß klarer durchschaut, und dem Judenthum sein Recht wieder vindizirt. Die Haltungslosigkeit Börne's in dieser Beziehung geht aber gerade aus den eigenen, oben citirten Worten Börne's um so mehr hervor. Weil jene Männer zu Reue und Buße gekommen, und darum ein anderes Glaubensbekenntniß ergriffen, darum spricht er ihnen Geist oder Herz oder Lebenskraft ab, daß sie in ihrem Baterlande ihr Glück nicht fanden-wer aber ohne Reue und Buße, d. h. ohne innere, geistige Umwälzung, ohne geistiges Bedürsniß die Heimath verläßt — er gesteht damit ein,. daß er es selbst so gethan — wir wollen die Konsequenz nicht verfolgen, wir wollen den Grabhügel des reichbegabten Flüchtlings mit dem grünen Rasen der Schonung bedecken, wir wollen Alles auf jenen religiösen Leichtsinn, der einer jüngsten Zeit den Boden unter den Füßen wegstahl, auf jene oberflächliche Anschauung werfen, die alle historischen Erscheinungen mit dem Hauche des Mundes umblasen wollte, als hätte unser Herrgott in der ganzen Vergangenheit geträumt, und wäre jetzt erst zum Tröste der leidenden Menschen erwacht. Darum bleibt aber doch der Schritt Börne's, wie er ihn gethan, höchst verwerflich, und ist mit Phrasen nicht zu verdecken. Lieber wollen wir auch hier den Tadel der Schwätzer als „engherzig" über uns nehmen, als eine Lüge, in den Goldflitter glänzenden Jrrthums geschlagen, für Wahrheit anzunehmen. Wir fühlen uns recht weiten Herzens unter dem Schirmdach der moralischen Besonnenheit. Die reichen Gaben Börne's bleiben uns ja dabei ganz unbenommen. Noch eine kurze Betrachtung. — Man sagt so oft, der Jude muß in den Menschen aufgehen! Es ist so Schade, daß die neuere Zeit, wie in der Zeit der griechischen Sophistik, so vielen Handel mit Phrasen treibt. Derjenige, der der Wahrheit nach allen Seiten nachspürt, ist dadurch oft in die drängendste, schmerzlichste Verlegenheit gesetzt. Er möchte so gern einen Ausspruch unterschreiben. Aber bevor er dies gethan, hat man ihm das Wort tückisch unter der Hand verdreht, und zum giftbethauten Dolche gemacyt. Der Jude soll in den Menschen aufgehen! Ja, überall, wo es das breite Leben der Menschheit betrifft, als Bürger und Mensch soll er nicht Jude, sondern Mensch sein, wie der Christ, der Muhamedaner da nicht Christ und Muhamedaner sein darf, sondern Mensch. Aber, wo es das Einzelwesen betrifft, wo es bloß um die stillen Kammern des eigenen Denkens und Fühlens ankömmt — wie könnt Ihr ihm da mit dieser Phrase kommen? Sein persönliches Menschenbewußtsein ist ihm durch die Meinungen und Lehrsätze des Judenthums gegeben und gehalten. Und da soll er dies hingeben um ein vages, irriges Ding, das Jeder anders bestimmt, und dann sein eigenes Geschöpf mit dem bunten Mantel „Mensch" umkleidet? Was sollen diese lächerlichen Prätensionen an uns? Ja, fürwahr, Israel, die paar Jahrhunderte, wo du zurückgeblieben, mußt du nun, da du nachgeeilt, am schmerzlichsten büßen.