Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1840)
- Date
- 1840-12-05
- Page
- Seite 698 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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698 Eine andere Vorlesung, der wir in dieser Woche beiwohnten, ist uns nicht minder interessant gewesen, die Erklärung von 2 Mos. 24, 12. Bei solchen Erörterungen muß aber ein (in dieser Beziehung) zweideutiges und in suspenso gelassenes Wort nicht gebraucht werden, den Schade» oder bei! Jncidcnzpunkt zu verdecken. Ebenso ist der Ausdruck, die Tradition ist noch nicht geschlossen, sondern wir produziren noch in ihr, nicht ohne Schism. Tradition, Ueberlies.rung, ist ein Gegebenes; ein Gegebenes ist als solches abgeschlossen, und kann nicht weiter produzirt werden. Wir mögen jetzt machen, was wir wollen, die Nachwelt wird es nur als die Tradition unsrer Zeit, aber nicht als jene Tradition, die zur Besprechung vorliegt, ansehen und ansehen können. Saat Hr. I»,. Fr., die Exegese und Hermeneutik der h. Schrift ist noch nicht abgeschlossen, so ist das klar und verständlich, aber eine Tradition als solche muß stets abgeschlossen sein. Denn auch die Tradition wurde als diese erst, als sie schon abgeschlossen war, angesehen, und alle spätere Zuthat ist nur eingeschmuggelt, we>m man sie für Tradition ausgicbt. Wir müssen, die Z.it fordert es, klar sprechen. Die eine Partei sagt: die Tradition ist Offenbarung Gottes, wie die h. Schrift selbst. Die andere Partei sagt: die Tradition ist Produkt einer langen, aber spätem Zeit, und historisch und als große Entwickelunxsperivde unsrer Religion höchst wichtig, aber nicht Offenbarung. Jene wird sich unbedingt zur Tradition verpsiichtet erklären, diese nur bedingt, indem mit der Entwickelung der Zeit und des Geistes eine Modifikation in Geltung sieht. Zwischen diesen ist aber die Erklärung „die Tradition ist göttlich, wie alle Geschichte," durchaus nur sophistisch, aber nicht wahrheitlich ein Mittelweg. Ganz gefährlich ist aber der Satz, wir pro duzircn in der Tradition noch fort. Das Recht zu produziren, wird uns Niemand nehmen und nehmen können. Wir können auch sagen, wenn wir es glauben, unsere Produkte sind größer und von höherer Bedeutung, als die aller Vorzeit. Wir wollen die Illusion nicht stören. Aber nur nickt:, wir produziren in der Tradition weiter! Denn dann leget ihr das Joch, welches ihr der Jetztzeit abzunchmcn vorgebct, doppelt auf die Nachwelt, dann hätte die Nachwelt Euer Produkt mkt noch mehr Kraftanstrengung zu zerstören, indem ihr ihm dieselbe Verbindlichkeit gebt, wie der Tradition, und was irgend einem Einzelnen einfallt, konnte er dreist für eine Eingebung Gottes erklären, womit selbst einige jüngere orthodoxe Lehrer nicht unzufrieden wären in Bezug auf ihre eigenen Produkte. — Wir erwarten die Berichte über die folgenden Vorlesungen mir Begierde, und bitten unsrerseits den Dozenten sorgfältig jede Sophistik zurückzuweiscn, die leider in der jüngsten Zeit unter uns so heimisch geworden, wie in Hellas zu den guten Zeiten des Gorgias. Redakt. der Professor Wurm war nämlich in seinen, vor einem sehr zahlreichen und gewählten Publikum gehaltenen Vorlesungen über die hamburgische Verfassung auf die in den Recessen für das Recht zum Besuch des Bürger-Konvents verlangte lutherische Religion gekommen: eine Bestimmung, die 1814, noch bevor die Bundesakte die Gleichberechtigung aller christlichen Konfessionen ausgesprochen hatte, hier auf einen einfachen Vorschlag des Senats in Bezug auf Katholiken und Reformirte aufgehoben ward, während die zugleich in Vorschlag gebrachte (modisizirte) Emanzipation der Juden durchftel, und bis heute nicht wieder vvrgenommen ist. Nachdem der Redner von dem früher hier gegen andere christliche Sekten ausgeüdten Fanatismus geredet^ machte er folgenden Uebergang: „wir begreifen nicht, wie unsere Vorfahren so gegen Reformirte und Katholiken handeln konnten; nun wohl, m. H., ich sage Ihnen, unsere Nachkommen werden es nicht begreifen, wie wir so gegen die Juden handeln können! Ich weiß, fuhr er fort, ich habe nicht die Majorität für mich in dieser Sache, die Klugheit geböte mir vielleicht zu schweigen; allein das wäre gegen meine Pflicht. Es ist eine Schande, m. H., es ist schimpflich, wie! das Verhältniß der Juden noch heute steht!" Hier j ging der Redner auf Dctail's ein, zog das in diej ser Zeitung Jahrgang 1837 mitgctheilte Promemoria I des Raths an und folgte dann der (hier blos als Manuscript gedruckten) Rießer'schen Denkschrift von 1>14, worin unter anderm nachgewiesen wird, daß das Verhältniß der Juden hier, der allerkargsten Auslegung des 16. Art. der Bundesakte zum Trotz, in sehr vielen Punkten bedeutend schlechter steht, als vor der französischen Herrschaft, während sie in gutem Glauben alle ihre früher besessenen Privilegien (der Dänische Schutz, das eigene Gericht rc.) freiwillig geopfert hatten. Schimpflich, eine Schande nannte Herr Wurm unfern jetzigen bürgerlichen Zustand; mit welchem Ausdruck möchte er denn wol das damalige Verfahren bezeichnen? Daß die Juden alles hergaben, freudig, freiwillig, daß sie auf die Fremdherrschaft keinen Anspruch stützen mochten, daß sie ihr Gut und Blut opferten — das Alles ist uns begreiflich, denn einen so ungeheuren Mißbrauch des Vertrauens konnte kein Menschenherz erwarten: warum aber die damaligen Leiter der jüdischen Angelegenheit nicht