Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1840)
- Date
- 1840-11-28
- Page
- Seite 688 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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688 sagen es offen, sagen es freudig: es ist unbillig, sich zu beklagen, es ist unbillig, wo so Vieles geschehen, wo der Stern der Humanität, die Sonne der Verbrüderung schon so viele Wolken zerstreut hat, einen ganz hellen, klaren Himmel schon zu fordern. Zeit, Zeit, ein Königreich um die Zeit, Zeit und Geduld, besser, es wird langsam und recht, als schnell und unrecht. Wo zu rasch auf der einen Seite gewonnen wird, wird auf der andern zu viel verloren. Nur wer langsam erwirkt, besitzt das Erworbene ganz. — Und dann, ist ja dies Alles nur lokal. Gehr auf das Land hinaus; wo da irgend der Jude die rechte Bildungsstufe erreicht hat, wo er sich überhaupt dem Gebrauch und Charakter des Landesbewohners hingeneigt hat, findet Ihr das schönste Verhältniß. Das Bedürfniß ist ein mächtiger Vermittler. In den Mittelstädten ist die Scham vor der Intoleranz zu Hause, und wenn auch nicht der große Haufe, der hervorstechende Jude trifft da überall offene Thüre und Achtung, so viel er verdient, mag da auch der Besitz meist die Brücke sein. Nur in den großen Städten ist die Gesellschaft exklusiv gegen die Juden, sowol weil in jenen noch viel Hoch - und Uebermuth, Arroganz und Dünkel ist, und jeder Kreis höher stehen will als der andere, den er zurückweist, dann weil in den großen Gemeinden die Hefe noch zu sehr hervorsticht, und bei der allgemeinen Verwechselung des Juden mit dem Juden, die ganze Glaubensgenossenschaft bezüchtigt wird, und weil endlich da das gesellschaftliche Bedürfniß nicht Außenstehende hereinzuziehen braucht, und die traditionelle Verachtung des Juden sich länger erhält. Jndeß auch hier, zählt ihr Kasino's auf, die noch keinen Juden aufnehmen, ich kann euch viel mehrere nennen, in denen sie schon heimisch sind. Erwähnt ihr einiger Kaufmannsgilden, die die Juden nicht zulassen wollen, viel mehrere haben ihrer sehr Biele ausgenommen. Ich wiederhole es, wo so viel geschehen ist, ist, Alles zu fordern, unbillig, ist, der Zeit zu vertrauen, und ihr durch immerfort thätiges Wirken zur Hülfe zu kommen, allein das Angemessne. Nicht, daß ich die Frankolm'sche Klage damit verwerfen wolle, immerhin, auch sie gehört zu den Faktoren der Zeit, und mag das Ihrige thun. Nur daß sie nicht Mißstimmung, Unzufriedenheit, Uebertreibung hervorbringe, wo bei klarer Beschauung viel eher Ursache zu freudiger, erregter Stimmung ist. Kas Eine wollte ich hier nur noch bemerken: wenn Jemandem auffällig ist, daß die Juden so häufig über ihre Zurückweisung vom geselligen Leben klagen, wenn es, und mit Recht, ihnen zum Vorwurf gemacht wird, daß sie sich oft so glücklich fühlen, wenn sie von christlicher Seite beachtet werden — so gehört auch Dieses zu den nothwendigen Triebfedern der Zeit. Sollte die Tendenz der Zeit sein, die soziale Jsolirung der Juden aufzulösen, so mußte auch in den Juden die Sucht nach außen erwachen, weil dies die nächste bewegende Kraft für jenen Zweck ist; und ich kann sagen, daß, nach meiner Beobachtung, in der jüngsten Zeit diese Sucht der Juden weniger stark, edeler, gemessener gehalten, würdiger geworden ist, und dazu mögen wir uns Glück wünschen. Sind wir so durch die Hand der Geschichte zu einer Hellern Ansicht gekommen: so haben wir doch noch ein Wort über die vermeinten, traurigen Folgen jener sozialen Jsolirung, wie sie Gutzkow so beredt in dem mitgetheilten Fragment beschreibt, hinzuzufügen. Was derselbe über Frankfurt am Main, was er über Börne sagt, wir lassen es jetzt noch beiseite, da wir noch einmal darauf zurückkommen werden. Es ist insonders der Passus (No. 44. S. 626): „So wie die Lage" ff. bis „vielleicht ganz fremd geblieben wäre," der uns interessirt. Glchkow mag dabei ein oder das andere Subjekt vor Augen gehabt haben, auf welches diese Schilderung paßt. Im Allgemeinen ist sie weit über das rechte Maaß, und übergeht Momente, die dem Eingeweihten nicht entgehen werden. Daß einzelne Subjekte durch die Stellung des Judenthums unglücklich werden, daß Vielen das Judenthum dann und wann hemmend entgegentritt, ist wahr, und wir beklagen es gewiß mit ihm. Aber wo ist denn ein Gebier, wo ist ein Verhältniß, das nicht also in Einzelfällen wirke? Wie mancher Protestant findet Hindernisse in katholischen Landen, wie mancher Katholik in protestantischen? Wie mancher Deutsche wird in Frankreich verdrängt, bleibt unberücksichtigt, weil er Deutscher ist, und findet der Franzose nicht auch in anderen Ländern Hemmnisse? Es ist das das Loos aller menschlichen Verhältnisse. Ferner übersieht G., daß, wenn die Juden von jeher sozial zurückgedrängt wurden, sie hinwiederum in ihrem eigenen Schooße eine Geselligkeit schufen, die sie sehr befriedigte, sie