Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-11-28 · Heft 48 (28.11.1840) · p. Seite 686

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 48 (28.11.1840)
Date
1840-11-28
Page
Seite 686 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225168--03139-3312663
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 6 Chrisienthums ist das gar nicht zu vergleichen, da die Annahme dieses Glaubens, Anfangs heimlich, alsdann öffentlich, die bürgerliche Stellung gar nicht veränderte, und die außerreligiösen Gebräuche und Sitten gewiß nicht. Dann zeugen auch die allmähligcn Ausschließungen der christlich-römischen Kaiser von allen militärischen und bürgerlichen Aemtern und Ehrenslellen, wie sie zuerst leise, „ohne den Israeliten die Würde des Standes und der Geburt nehmen zu wollen," alsdann offner und strikter ihnen entzogen, und die Juden, welche bereits solche inne hatten, „ohne Berücksichtigung ihrer bisherigen Verdienste," entfernt wurden (s. die betreffenden Gesetze im Cod. Theodos., wie wir sie in dem bekannten Werkchen gesammelt,) — dafür, daß die Juden diese militärischen und Civil-Aemter bekleidet, angesehene Advokaten, Präsekten, Offiziere ff. gewesen, und theilweise in bedeutendem Ansehn gestanden. Aber selbst durch die kaiserlichen Dekrete konnten sie so schnell aus dem Leben nicht verdrängt werden, und Rutilius Numatianus (400 nach d. g. Z.) beklagt sich bitter über die Macht und den Einfluß der Juden im Leben: Latius escisac pestis contagia scrpunt, VicJomque suos natio victa premit. (Itiner. I. v. 398.) Wünscht derselbe doch sogar (v. 396), daß Pompejus und Titus niemals Judäa besiegt hätten! Jemehr aber das Christenthum zur Kirche ward, und den weltlichen Arm gegen alle Glaubensmeinungen extra ecctesiam wandte, die Ketzer aus jeder politischen und sozialen Stellung hinausdrärivfle: desto schlimmer wurden auch die Verhältnisse der Juden, ihre bürgerliche Existenz ward eine kümmerliche Duldung. Hierzu kam nun das germanische Prinzip, die Tendenz des Mittelalters, den Volks¬ und Staatskörper in unzählige Individualitäten zu parcelliren, wobei natürlich den Juden die schlimmste Parcelle zugeworfen wurde. Jetzt kam das Einsperren in enge, schmutzige Judenviertel, jetzt das gelbe Läppchen auf der Brust, jetzt das Verbot der Theilnahme an allen Zünften, die Beschränkung auf Geld - und Trödelhandel, die Nichtgestattung des Grundbesitzes; der Neligionshaß brachte außer dem Druck die Verfolgung, außer der Beschränkung die Schmach. Kurz wir wurden, was wir waren, ja Gott sei Dank! waren. Das Nächste, was zu thun war, das war die Wiederherstellung einer bürgerlichen Existenz. Das Gesetz mußte voranschreiten, der Jude selbst folgen. Und wenn nun auch das Gesetz in vielen Ländern noch weit von der Gleichstellung entfernt ist, in bedeutenden hat es diese Stufe schon erreicht, in mehreren ist es um wenige Schritte noch davon entfernt, etliche hat jeder Staat thun müssen. Sobald nur Freizügigkeit, Gewerbefreiheit und Grundbesitz da ist, so ist die bürgerliche Existenz gewonnen. Der Jude mußte folgen; wir wollen nicht wieder in einer Aufführung der Fortschritte, die der Jude im Allgemeinen seit einem halben Jahrhundert gemacht, uns ergehen. Jetzt gilt es nun das zweite Moment, die Stellung in der Gesellschaft. Daß der Jude so weit gekommen, so viel Bildung gewonnen, um respektive an den verschiedenen Kreisen der Gesellschaft Theil zu nehmen, baß er befähigt ist, nach den verschiedenen Ständen im Umgang den Forderungen der Gesellschaftlichkeit zu genügen, giebt ein Jeder zu; denn sonst könnte auch dieser Gegenstand gar nicht zur Sprache kommen. Die Klage geht nun eben dahin, daß es doch nicht geschehe, weil man den Juden als solchen ausschließe, und ihn von sich entfernt halte, daß man ihn in seinen Eigenschaften als Mensch nicht berücksichtige, und den Menschen um des Juden willen zurückweise. Ein zweiter Punkt ist, daß man dies als von trauriger Wirkung auf den einzelnen Juden ansieht, der dadurch unglücklich, überall verletzt, bitter und vereinsamt werde. Jenes besprach im obigen Referat Frankolm, dieses Gutzkow. Unsere obige geschichtliche Uebersicht war nicht umsonst, sie sollte nicht ein bloßes Piedestal für die Klage sein, sondern uns die rechte Ansicht der Sache schaffen, begründen. Die Geschichte lehrt uns, daß, mit der Verpflanzung der Juden aus ihrem eigenthümlichen Boden in die ganze Welt, die Tendenz, sie völlig zu isoliren und isolirend herunterzudrücken, hervortrat. Darum mußte das Rvmerthum, das gegen alle anderen Völker so tolerant war, unter solchen Umständen mit dem Judenthum Zusammentreffen, daß der Haß die Toleranz lange verdrängte, die immer wiederholten Versuche von Juden, sich frei zu machen, Mißtrauen und Leidenschaft wider sie immer wieder nährten — („£> Markomannen, o Quader, o Sar-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.