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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-11-21 · Heft 47 (21.11.1840) · p. Seite 669

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 47 (21.11.1840)
Date
1840-11-21
Page
Seite 669 (sequence 9)
Language
German
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was sie greifen können, und was darüber hinauslieget, mit verächtlichen Kopfschütteln abweisen. Da sind zweitens die Ueberklugen, die Selbstweisen, die alles Gegebene, Ueberlieferte, seit Jahrtausenden mühsam Aufgebaute, nicht prüfend, sondern in Selbstgenügsamkeit umstoßen, und aus eigener Machtvollkommenheit ihres eigendünklerischen Geistes sich die Wahrheit zu erbauen wähnen. Da sind drittens die Genußsüchtigen, die, um den Lüsten ihrer^gemeinen Natur ungestört zu fröhnen, sich ein Gewebe falscher Schlüffe und Sophismen zusammenschlagen, durch das sie den Mangel an Tugend, die Verwerfung des Gesetzes und Maßes, die Hohlheit ihres Wesens zu bedecken trachten. Da sind endlich viertens die Irregegangenen, die aus beklagcnswerther Falschsicht, im verfehlten Forschen, zum Zweifel, und vom Zweifel zum Jrrthum, ihre eigene Brust schmerzlich zerfleischend, gekommen. Alle diese sind die Gefangenen, alle diese, die in der Finsterniß, ihnen ist das Licht des Herrn erloschen, die sich selbst die Fackel entzündet zu haben wähnen. O ihr, die ihr nicht wisset, wie ihr geworden, und was ihr werdet, ihr wollet wissen, was ihr seid? Und diese unermeßliche Welt, sie hätte keine andere Basis, als Euch? Und ihr schwankende, wankende, rankende Wesen, wollet euch allein Wurzel und Fußgestell sein? Und ach! wo nun eine Versammlung von Menschen sich zusammenthut, wo sind da keine Sünder darunter? Ob in den Pallästen der Großen, ob auf den Märkten der Städte, ob in den Gotteshäusern — wo sind keine Sünder drunter? wo sind nicht Etliche darunter, die. die Heiligkeit der Ehe verletzen, die das Eigenthum nicht achten, die ihre Eltern schmähen, die ihren hülflosen Bruder verlassen, die die Ehre ihres Nebenmenschen kränken, die sittenlos, ungerecht und gesetzwidrig wandeln, die an Gott, sich und Menschen freveln? Ihrer sind überall! O schlaget die Augen nieder, die Hand an das Herz, die Röthe steige auf euer Angesicht, die Reue in Eure Seele. Ich will Euch nicht aufmerksam machen auf den Wurm im Busen, aus die Vergänglichkeit des Lebensauf die Rechtfertigung im Jenseits. In keiner Zeit, wie in der gegenwärtigen, wurden die großen Fragen der Religion mit so lebhaftem Interesse besprochen; ich meine, von den Einzelnen, von denen selbst, die in der Tiefe der religiösen Wissenschaft nicht bewandert sind. Früher war die Zahl derer, welche, in der Religion geboren, blindlings derselben zu folgen gewohnt waren, größer, die Mehrzahl — wenn aber gegenwärtig einerseits das irreligiöse Leben mehr um sich gegriffen, so haben sich andrerseits die Fragen nach der Religion gemehrt, ein Jeder will den Begriff seiner Religion genauer kennen, tiefer schöpfen ihre Gründe, Beweise, damit er seine Ueberzeugung desto lebhafter in seine Brust hineindrücken, an ihr sich aufrichten, und durch sie gestärkt über die Unbille der Welt verachtend hinwegsehen könne. Jnsonders der Jude. Unsere Väter beugten sich willig unter dem Joche ihrer Feinde, sie wußten's nicht anders: wir sind im rnba war ihre Antwort. Jetzt ist es anders. Wir sind unser als Menschen und Bürger bewußt geworden. Wir wollen kein Unrecht dulden, wir lehnen uns auf, kämpfen mit allen erlaubten Waffen dagegen, und weichen nur — der-rohen Gewalt. Darum fühlen wir aber auch jede kleinere Bürde, jede geringere Beschränkung desto tiefer, tiefer fühlen wir uns verletzt und gekränkt in unserm Menschenbewußtsein, in der Gewißheit unsres endlichen Stre« bens, bei irgend unverdientem Vorwurf. Aber im Gegensatz machen wir auch desto größere Forderungen an unsere Religion, sie ist es, um die wir leiden, tragen, verletzt werden — wohlan, so muß sie uns das ersetzen! sie muß durch die Herrlichkeit ihres Inhalts, durch die Felsenkrast ihrer Ueberzeugung, durch die Göttlichkeit ihrer Zuversicht uns weit über die Sphäre jener kleinlichen Hasser erheben, uns empor tragen zu jenem geistigen Wolkenreiche, wohin kein Laut und kein Pfeil der Erde dringet. Zuerst „mit dem Ewigen, mit Gott sein!" Was heißt das? Ist denn aber etwas ohne Gott, daß man ermahne „mit Gott zu sein?" Kann denn etwas nur existiren ohne Gott? Der Halm, der seine Spitze durch die Furche drängt, der Weltball, der durch ungemessene Räume fliegt, der Wurm, der im Staube sich rvindet, der Aar, der 47'

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