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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-11-21 · Heft 47 (21.11.1840) · p. Seite 665

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 47 (21.11.1840)
Date
1840-11-21
Page
Seite 665 (sequence 5)
Language
German
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665 Der Rabbine, welcher auf dem christlichen Thril des Kasimierz wohnt, und dort sein eigenes Haus besitzt, konnte dies nur möglich machen, indem er sein Besttzthum auf den Namen seiner Frau geschrieben, welche der civilisirten Judenschaft angehört. Es ist nämlich den polnischen Juden verstattet, sich zu „civilisiren" und dadurch das Vorrecht zu erlangen, entweder in der Stadt selbst zu wohnen, oder auf dem christlichen Kasimierz Eigenthum zu besitzen. Diese Civilisation vollbringt sich allerdings höchst einfach dadurch, daß sie die althergebrachte polnische Judentracht ablegen, und Kleider vom gewöhnlichen deutschen oder französischen Schnitt tragen. Zugleich müssen sich die Männer alsdann Bart und Haupthaar scheeren. Es verschmäht aber der größte Tbeil der polnischen Juden selbst ein so geringfügiges Mittel, sich ein leichteres und freieres Dasein zu gewinnen, und mit ihrer unverwüstlichen Zähigkeit, mit der sie an ihrer ganzen Vergangenheit festkleben, halten sie auch an dem langen schwarzen Kaftan fest, der, mit der hochragenden Pelzmütze oder dem kleinen dicht anliegenden Käppchen, sich von der übrigen Bevölkerung mit einem so grellen Kontrast unterscheidet und das Kleid des Verstoßenen ist, um das alle Welt ihn flieht. Die kleinen Quergassen dieses Stadtviertels bilden den eigentlichen jüdischen Kasimierz, in dessen jämmerlichen Wohnungen sich der polnische Jude ganz im ungestörten Besitz seiner Verworfenheit festgenistet hat. Hier sitzt das Unglück in seiner Höhle und zeugt mit der Schmach das Laster und den Betrug, welche es von sich ausschickt, um Rache an der Menschheit zu nehmen. Es kann keinen fürchterlicheren Aufenthaltsort der Verdammten gegeben, als den, zu welchem sich hier diese unglücklichen Juden auf den engen Fleck ihres Elends zusammengedrängt haben. Die mit giftigen Gerüchen aller Art geschwängerte Atmosphäre, welche über diese Gassen ruht, bildet gewissermaßen den Dunstkreis, durch den der Jude hier, gleichsam in einer undurchdringlichen Luftschichte abgesperrt, von dem Christen gesondert scheint, und undurchdringlich muß man diese Atmosphäre wol nennen, weil sie den hier plötzlich Eintretenden fast zu ersticken droht. In die Zimmer dieser Häuser einzudringen ist fast unmöglich; Schmutz, Unrath und Gestank halten Wache an diesen Kerkern des Unglücks, .in welchen oft vier bis fünf Familien einen Raum bewohnen, den man kaum zum Athemholen für ausreichend halten sollte. Je elender sie aber durch den Druck der auf ihnen lastenden Verhältnisse werden, desto stärker vermehren sie sich nur und hängen nur immer fester an dem Winkel des Jammers, in welchen ein unerbittliches und beispielloses Schicksal diese Ueberbleibsel des einst auserwählten Volkes geschleudert hat. Fast alle Häuser in Kasimierz haben Läden, in welchen aller Trödel und Schacher von Israel aufgestapelt liegt. Die Edelleute der Umgegend handeln hier oft ihre Bedürfnisse ein und ziehen den Kasimierz zu ihren Einkäufen vor, wegen der wohlfeilen Preise, welche nur die Juden bei dem geringen Erwerb, mit dem sie in der Regel zufrieden sind, stellen können. Die Genügsamkeit dieser armen polnischen Juden ist überhaupt höchst merkwürdig. Viele enthalten sich oft Wochen lang ganz und gar aller Speise, und Manche giebt es, die in mehreren Monaten nichts als Milch und etwas Brod genießen. Ein nicht unwesentlicher Tyeil der hiesigen Judenschaft besteht aus der Sekte der Chassidim, die einen eigenthümlichen mystischen Charakter haben, und sowol durch ihre strengen orthodoxen Grundsätze als durch ihr Fasten sich auszeichnen. Aber auch jeder andere Jude führt in der Regel eine mäßige Lebensweise, die in Erstaunen setzenmuß. Im Handel und Wandel läuft er den ganzen Tag umher, und macht, im Angstschweiß des geringfügigsten Erwerbs, den weiten Weg von Kasimierz bis in die Stadt wol zwanzigmal hin und zurück, um wenige polnische Groschen zu gewinnen; oder er bedient als „Faktor" die in der Stadt sich aufhaltenden Fremden, denn die Juden sind in Polen Alles, Lohnlakaien, Dolmetscher, Unterhändler, Vermittler aller und jeder Geschäfte, so gelehrig zeigt sich in ihnen das Unglück, das unter allen Gestalten jeden Dienst verrichtet, und mit dem der unabweisliche jüdische Geschäftigkeitsgeist zusammentrifft, um diese wunderlichen und allbeweglichen Figuren ruhelos hin und her zu treiben. Hat sich aber der Jude den Tag über zu allem Möglichen brauchen lassen, für wenig Geld und unter der schmählichsten Behandlung, ohne gegessen und getrunken zu haben, dann schleicht er sich Abends spät todtmüde in seine Judenstadt zurück, um im Schmutz seiner niedrigen Behausung ein Stück trockenes Brod zu verzehren,

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